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Donnerstag, 13. November 2025

12. November 2025. Djerba - Fort Ghazi Mustapha — DjerbaHood


Diesen Vormittag haben wir quasi verfrühstückt, wie wir uns angewöhnt haben zu sagen. Überhaupt entwickeln Albrecht und ich langsam einen eigenen Code während der Reise, nach dem wir Dinge benennen. Wahrscheinlich werden wir uns nach unserer Rückkehr nicht mehr mit unserer Umwelt verstehen, resp. sie uns nicht. ;)



Angesichts der Tatsache, dass wir erst um Mittag rum von unserem schönen Platz am Strand mit frisch ausgelüfteten Bettdecken losfuhren, verkleinerte sich das Tagesprogramm etwas. Diesen Luxus leisten wir uns aber, denn wir sind erstens nicht auf der Flucht und zweitens nehmen wir’s absichtlich gemütlich.



So fuhren wir zuerst zurück Richtung Houmt Souk (Ha! ich habe die Funktion der unterlegten Links entdeckt!). Auf dem Weg hielten wir bei einer der vielen kleinen Moscheen am Ufer - nicht weil wir sie besichtigen wollten (das kann man glaub gar nicht) sondern weil es daneben eine PET-Sammelstelle hat, wo wir die sich angesammelten PET-Flaschen entsorgen wollten.




In Houmt Souk wollten wir zuerst kurz den «Port de Peche», den Yacht- und Fischereihafen anschauten, wo aber gar keine Yachten liegen. Neben ein paar mässig interessanten Booten der Nationalgarde und den eher hässlichen Pseudopiratenschiffen, die Pauschaltouristen zur Pinguininsel schippern, haben es mir eher die abgewrackten Bootsleichen angetan. Die vom Gebrauch und vor allem den Witterungsbedingungen verwitterten und verwittweten kleinen Boote boten fotogene Fotosujets. 







Gleich nebenan liegt unser eigentlicher erster Programmpunkt: das Fort Ghazi Mustapha oder Borj El Kebir.


Gleich nebenan liegt übrigens eines der wohl modernsten Gebäude auf Djerba, das Théatre Municipal de Houmt Souk.



Diese zu Deutsch «grosse Burg» benannte Festung wurde Ende des 14. Jahrhunderts über den Ruinen der römischen Siedlung Griba erbaut und hat eine bewegte Geschichte, die ich nicht hundertprozentig nachvollziehen kann. 



Der Bauherr war der damalige Sultan der Hafsiden. Die Hafsiden waren eine Abspaltung der islamischen Reformbewegung der Almohaden, die damals in Andalusien und im Maghreb herrschten und durch Kämpfe gegen die christlichen Königreiche Spaniens geschwächt waren, und wurden die am längsten regierenden Herrscher in Tunesien. Sie entstammten dem Berberstamm der Hintada aus dem Gebiet südlich von Marrakesch und herrschten vom 13. bis ins 16. Jahrhundert.  


Diese Ur-Burg ist heute noch in Fragmenten zu sehen - um sie herum wurde im 16. Jahrhundert durch den osmanischen Korsarenführer und Piraten Dragut oder Turgut Reis eine grössere und stärkere Festungsmauer gebaut, die den heutigen Umrissen entspricht.

Kanonenkugeln? nichts ist angeschrieben.


Dragut liess die Festung ausbauen, weil er sich vor Racheakten der christlichen Seefahrer schützen wollte. 1560 griffen Spanier und Malteser mit einer Flotte von 30 Schiffen und 30’000 Mann die Festung und die Stadt Houmt Souk (die damals bestimmt anders hiess) an und eroberten sie relativ rasch. Sie liessen eine Besatzung von 5000 Mann zurück und wollten zurück Richtung Spanien segeln. Auf dem Rückweg griff Dragut sie jedoch an und besiegte sie in einer Seeschlacht, wobei 18’000 Mann ihr Leben verloren. Die noch besetzte Festung wurde belagert und als die Besatzung aufgab, liess Dragut alle 5000 Mann köpfen und türmte deren Schädel in einer Pyramide auf. Diese wurde leider 1848 auf Drängen der europäischen Mächte abgetragen. Das war wohl eine frühe Form von EU-Diktat. Seither steht an der Stelle der Schädel-Pyramide ein schnöder steinerner Obelisk. Heute wäre die Pyramide aus 5000 Schädeln wohl ein weltweites touristisches Alleinstellungsmerkmal und einer der beliebtesten Selfiespots im ganzen Mittelmeerraum. 



Als 1881 die Franzosen die osmanische Herrschaft in Tunesien beendeten, das Land besetzten und es in ihr Kolonialreich integrierten, übernahmen sie auch die Festung. Sie ging 1903 in den Besitz des tunesischen Staats über.

Grabsteine?


Seit 1968 wird die Festung restauriert und teilweise reskonstruiert - wirklich vorwärts scheinen sie aber nicht zu kommen. So ist heute ausser einem wirren Durcheinander von Steinen und Mauern keine richtige Struktur der ehemals wichtigen Konstruktion sichtbar - zumindest nicht für mich als Laien. Mir fehlt auch eine anschauliche Aufbereitung der bekannten Informationen in Form von Plänen, Zeichnungen und vor allem Modellen. In einem Raum hängen zwar ein paar Informationstafeln, die aber keine übersichtliche Struktur aufweisen und viel zu allgemein gehalten sind. Hätte ich im Geschichts-Unterricht so gelehrt, hätten meine Schülerinnen und Schüler das Lernziel nicht erreichen können.



Und wenn ich gerade beim Geschichtsunterricht bin: wie bereits während der Reise durch Zentralasien im 2019 merke ich auch hier: ich habe nicht geringste Ahnung von der Geschichte ausserhalb Europas. Natürlich weiss ich, dass die «bösen Araber» irgendwann Spanien besetzt haben, dass es ein osmanisches Reich, chinesische Dynastien und Mongolen gab, aber das ist dann schon alles. Mit der umfassenden Globalisierung können wir es uns nicht leisten, keine Ahnung von der Entwicklung der Gesellschaften im globalen Kontext zu haben.


So. Genug Schulmeisterei.



Wir kauften dann in der Inselhauptstadt noch Wasser, Salz (um die mitgebrachten Spaghetti und Pellati in eine Mahlzeit zu verwandeln), Bier (wir haben tatsächlich zufällig noch einen anderen Alk-Shop gefunden und uns für ein paar Tage verproviantisiert), Geflügelbouillon (um mit den langsam sich versteinernden Brotresten eine Brotsuppe kochen zu können) und ein paar Tomaten (um mich davor zu bewahren, hangry zu werden) gekauft. Den Diesel haben wir vergessen. Ist ja auch nicht so wichtig.








Da hier auf der Insel alles sehr nah zusammenliegt - logisch, denn die Insel ist nicht gross - sassen wir nicht lange im Land Rover bevor wir in Erriadh («die kleine Nachbarschaft») ankamen, wo wir DjerbaHood besichtigen wollten. 





Diese kleine Stadt ist ein Grossod. Enge, verwinkelte Gässchen (hierher könnte man locker den Morgestraich verlegen, denn es ist verwinkelter und lauschiger als Basler und es kämen bestimmt nicht so viele im Weg stehende Touristen deswegen hierher), gepflegte Häuser in traditioneller Architektur, wunderschöne Türen und Fenster, heimelige Cafés, Restaurants und Hotels und vor allem eins: eine einmalige Freiluftgalerie moderner Streetart, eben die DjerbaHood.





Im Jahr 2014 führte die Pariser Galerie Itinerrance unter der Ägide von Mehdi Ben Cheikh in Erriadh ein Streetart-Event durch, bei dem 250 Kunstwerke an die Mauern der Stadt gesprayt und gemalt wurden. Dafür wurden 4500 Spraydosen verbraucht.





Das Event war vor allem ein zwischenmenschliches Erlebnis, das Einwohner und Künstler zusammenbrachte. Die Locals unterstützen die KünstlerInnen bei der Durchführung und Beschaffung der Materialien und es entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit. Das sieht man heute daran, dass viele Boutiquen und Ateliers sich hier angesiedelt haben und die Streetart in ihr Präsenz integriert haben.





Eine für mich sehr schöne Anekdote ist, dass die Bürger sich anfänglich sehr zögerlich zeigten, ihre Hausmauern für die Sprayen zur Verfügung zu stellen. Als sich das Event entwickelte und die Einheimischen sahen, wie ihre kleine Stadt immer schöner und spannender wurde, meldeten sich immer mehr bei den Organisatoren und wollten auch solch grossartige Kunstobjekte an ihrem Haus sehen.





Ich bin durch viele Gassen gegangen und habe versucht, die Wandgemälde im Kontext der städtischen Situation fotografisch festzuhalten. Bestimmt habe ich nicht einmal die Hälfte aller Bilder gefunden und gesehen und leider würde es den Rahmen des Blogs sprengen, wenn ich alle Fotos hier einstellen würde. Allein die Auswahl fiel mir sehr schwer.





Diesen Ort mit einem Kurs von Kunststudenten im Rahmen einer Studien- oder Abschlussreise zu besuchen wäre mir als Dozent ein Anliegen (ja, ich weiss, da drückt schon wieder der ehemalige Lehrer durch). Authentischer und lebendiger kann eine Kunstinstallation nicht sein.





Den Besuch des hinduistischen Tempels wenige Kilometer südlich haben wir angesichts des fortgeschrittenen Nachmittags auf morgen verschoben, was unseren Abschied von der Insel Djerba logischerweise ebenfalls verzögert.


Statt uns im Schnellgang durch ein weiteres, religiöses Highlight zu schlängeln, suchten wir im äussersten Süden, nahe des Fähranlegers und eines sehr gut bewerteten Fischrestaurants zuerst einen geeigneten Freecamper-Stellplatz, wo uns hoffentlich die Polizei nicht dauernd auf die Pelle rückt und beobachtet. Wir fanden ihn neben einem schlecht bewerteten Muschelrestaurant, das uns beiden bestimmt gleichzeitig eine beim Übergeben gebeugte Nacht beschert hätte (in einer Bewertung stand, man solle sich eine Ration Imodium am besten gleich vor dem Essen einwerfen).



Unser Restaurant, das «Restaurant Mbarek Poissons», war der Hammer!

Wir waren relativ früh dran, denn es sollte unsere erste richtige Mahlzeit an diesem Tag werden und so waren wir die ersten Gäste. Der sehr freundliche und zuvorkommende Chef und sein junger, scheuer Garçon bedienten uns wie Könige. Zuerst kam eine grosse Platte mit frischem Fisch von heute Morgen zur Auswahl auf den Tisch. Wir wählten zwei verschiedene Fische, deren Namen ich aus reiner Unkenntnis der Unterwasserwelt nicht (mehr) weiss, und ein paar schöne, grosse Krawatten aus, die anschliessend, fein maghrebinisch gewürzt, auf dem vor dem Restaurant auf der Strasse stehenden Holzgrill, mit Brille gut sichtbar, gegrillt wurden. In der Zwischenzeit gab es einen tunesischen gemischten Salat (nein, nicht den, der die eben nicht erwünschten Verdauungsprobleme hervorrufen kann, sondern mit viel gekochtem, kaltem Gemüse, Tomaten und Thunfisch aus der Dose) und dann eine feine dickflüssige Suppe, die dezent nach Kreuzkümmel roch und schmeckte. Die Fischplatte - bitte verzeiht, ich habe sie aus der Falschen Richtung und erst noch mit der billigen iPhone13-Kamera festgehalten - wässerte allein bei Anblick und Riechen meinen Mund. Es war himmlisch! 



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