13. November 2025.
Djerba - El Ghriba Synagoge - Fähre - Mareth Line Military Museum - Zarat
Im Gegensatz zu gestern stand ich heute bereits kurz nach sieben Uhr auf, weil ich draussen Stimmen hörte. Albrecht war bereits am Kaffeebrauen und ein Einheimischer ist vorbei gekommen, weil er Starthilfe für sein Auto benötigte. Er war ein paar Minuten zu Fuss zu uns gelaufen, und fragte etwas verlegen, ob wir ihm mit einer Überbrückung helfen könnten. Albrecht sagte natürlich gerne zu, nachdem er mich, noch ganz verschlafen aus dem Land Rover steigend, fragte, ob es für mich in Ordnung sei, meinen Kaffee alleine zu trinken, während er mit helfen gehe. Logisch war das i.O., solange ich mich in Ruhe in die schöne Morgensonne setzen und auf seine Rückkehr warten konnte.
Er genoss es, seine geniale Konstruktion eines Überbrückungskabels mit Militär-Hochstromstecker zu gebrauchen und bekam zum Dank einen Kaffee im keine 200 Meter entfernten Haus.
Wir besprachen anschliessend bei einem weiteren Kaffee aus der Bialetti den heutigen Schlachtplan. Die eigentlich gestern auf dem Programm gestandene Synagoge, die Überfahrt aufs Festland mit der Fähre und der Besuch eines Museums sollte es sein. Anschliessend wollten wir wieder Richtung Westen fahren, um in die Nähe der algerischen Grenze zu kommen.
Für den Weg zur Synagoge wählten wir die Strasse an der Westküste, welche den Blick auf das dem Festland zugewandte Ufer in der schönem Morgensonne ermöglichte. An dieser Stelle trennt nur ein schmaler und seichter Streifen Wasser die Insel Djerba von den Klippen am Festland.
Eine sehr gute sandige Piste führte uns auf der Höhe der bereits gestern besichtigten Stadt Erriadh/Djerbahood Richtung Osten, wo die El Ghriba-Synagoge liegt.
Dieses jüdische Gotteshaus ist das älteste und bedeutendste in Nordafrika. Ghriba bedeutet auf Arabisch wunderbar oder fremd. Die Synagoge ist laut der Legende nach der Flucht der Hohepriester nach der Zerstörung des salomonischen Tempels auf dem Tempelberg in Jerusalem durch die Babylonier unter Nebukadnezar im Jahr 586 v.Chr. erbaut worden.
Es gibt verschiedene Legenden um die Errichtung und die Bedeutung dieser wichtigen Stätte.
Das heutige Gebäude wurde Ende des 19. Jahrhunderts an der Stelle des ursprünglichen Baus errichtet und ist aussen sehr schlicht gehalten. Der maximal zweistöckige Komplex ist von weitem nicht erkennbar und überragt die Wipfel der Olivenbäume kaum. Er ist ganz in weiss gehalten, die Türen und Fenster sind hellblau gestrichen. Tunesien und vor allem Djerba haben eine lange und wichtige jüdische Tradition. Nach Djerba sind viele Juden vor Verfolgung geflüchtet und fanden hier Schutz und Anerkennung.
Bevor wir auf das Gelände der Synagoge gehen konnten, mussten wir durch eine Sicherheitsschleuse. Diese besteht seit dem schrecklichen Attentat im Jahr 2002, als ein islamistisch Verblendeter mit einem mit Flüssiggas beladenen Lastwagen gegen das Gebäude fuhr und durch die folgende Explosion 19 Touristen starben. Bereits 1985 und später 2023 verübten ein Polizist, resp. ein Nationalgardist aus religiösen Gründen Attentate mit mehreren Toten.
Durch die strengen Kontrollen ist heute eine friedliche und andächtige Stimmung auf dem Gelände gewährleistet und viele Touristen besuchen die Stätte. Eine grosse und wichtige Wallfahrt findet hier alljährlich 33 Tage nach Ostern (am 33. Tag des Omer-Zählens) statt, deren Erlös den alten Mitgliedern der Gemeinde zugute kommt.
Wir betraten die Synagoge durch eine schlichte Tür, wo auf dezente Kleidung und auf das Tragen einer Kopfbedeckung hingewiesen wird. Uns wurd eine Kippa, die kreisrunde Kopfbedeckung für Männer, gereicht - Frauen erhalten ein Tuch, mit dem sie den Kopf und allenfalls freie Schultern ebenfalls bedecken können. Um in den Bereich mit dem Schrein, wo eine über 2000 Jahre alte Tora-Rolle aufbewahrt wird, zu kommen, zogen wir die Schuhe aus.
Wer eine Spende hinterlässt, erhält eine Kerze, die wir angezündet und auf ein Tablett gestellt haben - natürlich nicht ohne einen Wunsch zu formulieren.
Die Synagoge ist innen sehr schön gestaltet. Kerzen brennen in hängenden Kerzenhaltern, die Decken sind mit dunkelgrünem bis braunem Holz verkleidet, an den Wänden sind die typischen tunesischen Keramikkacheln angebracht und farbige Fenster unterhalb des Dachs lassen ein schönes Licht in den Raum.
Es ist ein Ort der Ruhe und auf den Sitzbänken entlang der Wände lässt sich die warme und sehr angenehme Stimmung erleben. Leider entluden sich kurz nach unserer Ankunft zwei Touristenbusse, was sich etwas störend auf die andächtige Stimmung auswirkte.
Im zweiten, flächenmässig viel grösseren Gebäude, sind die Unterkünfte für die Pilger untergebracht. Innerhalb des mit Bogen gestalteten schneeweissen, kreuzgangartigen Gebäudes liegt ein sehr grosser Hof, der ohne die Pilger vollkommen leer ist.
Obwohl es nur eine geringe Abkürzung ist, beschlossen wir, anschliessend die Fähre über die etwa zwei Kilometer breite Meerenge zum Festland zu nehmen, was sich zeitlich als eher ungünstig erwies. Die moderate Schlange, die sich bei unserer Ankunft bereits gebildet hatte, brauchte fast zwei Stunden um abgebaut zu werden.
Als wir an vorderster Stelle am Kassenhäuschen ankamen, staunten wir nicht schlecht über den Preis: 0,800 Dinar, was etwa -.25 Franken entspricht. Jetzt war uns auch klar, warum so viele Tunesier die Fähre nehmen: sie ist günstiger als der Treibstoff für die paar Kilometer Umweg über den Damm.
Auf dem Festland bretterten wir der Sonne und dem Mareth Line Military Museum entgegen, als hiesse es, den zeitlichen Rückstand durch das Warten aufzuholen.
Ein Museum zur nicht unbedeutenden Auseinandersetzung zwischen Achsenmächten und Alliierten in Nordafrika gleich nach dem Besuch der Synagoge anzusehen ist moralisch-ethisch nicht gerade der Renner…aber wir wollen möglichst viele Facetten dieses faszinierenden Landes erkunden und dieses lag halt grad auf dem Weg.
Das Museum wird von der tunesischen Armee betrieben, die nicht ohne Stolz die Aufbereitung der Entscheidungen zum Verlust von Rommels Afrikafeldzug auf ihrem Territorium präsentiert.
Die Exponate wirken ein wenig allzu makellos, so soll ein Kübelwagen (VW Modell 88 mit 10 PS Leitung) von Rommel persönlich gefahren worden sein und im Beton der vor dem Museum liegenden Bunker, der offensichtlich von der Restaurierung herrührt, weist unser Führer auf Kritzeleien, die von Soldaten im Krieg gemacht worden seien. Auch seien alle Waffen und anderen Ausrüstungsgegenstände vor Ort gefunden worden.
Nichtsdestotrotz ist die strategische Bedeutung der etwa 35 km langen Verteidigungslinie, die die Wehrmacht vom Meer bis ins Dahargebirge gezogen hatte, um sich gegen die vorrückenden Alliierten aus Lybien zu verteidigen, gross. Am Ende hat es aber nicht geholfen und die Achsenmächte wurden in den äussersten Nordwesten gedrängt, zur Aufteilung und schliesslich zur Kapitulation gezwungen.
| Blick Richtung Festland von Djerba aus. |
Es blieb uns nicht mehr so viel Zeit bis zum Sonnenuntergang und so beschlossen wir, bei Zarat ans Meer zu fahren und nach einem geeigneten Schlafplatz Ausschau zu halten.
Beim Fischereihafen gibt’s ein Kaffe, wo wir uns umschauen wollten.
Bei der Einfahrt ins Gelände des kleinen Hafens wurden wir von einem uniformierten Mann angehalten und ich hatte schon Angst, dass er etwas gegen unsere Anwesenheit habe.
| Strasse der Abendsonne entgegen |
Der Chef der lokalen Police Maritime (wie er sagte) wollte aber einfach wissen, wen er auf seinem Territorium hatte und was wir hier wollten. Wir kamen ins Gespräch und er bot uns seine Hilfe an, falls wir Probleme hätten. Er war sehr freundlich und hatte Freude, dass es uns in seinem Land so gut gefällt.
| Wie alt mag dieser Olivenbaum sein und was könnte er erzählen? |
Als wir uns im Kaffee setzten, suchte ich das Gespräch mit den anwesenden Fischern indem ich nach ihrem Fang fragte und mit Hinweis auf die zur Seite gestellten Reusen Fotos von meinem Lobster-Boat-Modell zeigte. Sofort entwickelte sich auch da ein gutes, interessantes und lustiges Gespräch. Sie erzählten von den Fischen und Meeresfrüchten, die sie hier fangen und beantworteten meine Fragen mit Freude.
Auf die Frage, ob es wohl möglich sei, am Strand im Land Rover zu nächtigen, bejaten sie sofort und versicherten uns, dass es hier eine sicher und anständige Gegend sei - anders als in den grossen Städten, wo es Diebe und Alkoholiker gäbe.
| Fünf Fähren stehen und nur eine fährt - kein wunder dauert es so lange. |
Wir verabschiedeten uns von diesen freundlichen Menschen, alle wünschten uns eine gute Nacht und weiterhin schöne Erlebnisse - und wir fuhren an den Strand und stellten unser Fahrzeug in Sichtweise des Hafens zwischen zwei grosse Palmen. Es hat etwas Südsee-Charme an diesem Platz.
| Auch Möven warten - aber nicht auf die Fähre |
Da wir nicht Lust auf ein Essen im Restaurant hatten, bereitete ich auf einfachste Weise zwei grosse Portionen Spaghetti mit Tomaten/Thon-Sauce zu, welche wir mit Heisshunger verschlangen. Um 18 Uhr war es bereits dunkel und wir setzten uns gemütlich in Albrechts Campingstühle, tranken ein Bier und erzählten uns alte Kamellen.
Ein guter Tag ging früh und zufrieden zu Ende.
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