14. November 2025. Zarat - Matmata - Kebili
Nachdem ich bereits gestern von den Menschen auf Djerba und den Männern am Hafen bei Zarat geschwärmt hatte, begann der heutige Tag während der ersten Tasse Kaffee (wir hatten uns vor zwei Tagen ein Tetrapack UHT-Milch mit Schraubverschluss gegönnt, damit der Bialetticaffè noch besser) wird mit einem Hammer-Erlebnis.
Kaum hatte ich, noch immer zerzaust nach einer Nacht mit wunderbarem Schlaf am Strand an der Ostküste Tunesiens bei Zarat, die ersten Tropfen des mittelbraunen Heissgetränks mit über die Zunge fliessen lassen, dazu genüsslich an einer Selbstgedrehten mit exquisitem Fleur du Pays Tabak gezogen, fuhr ein Auto mit tunesischem Kennzeichen zu uns an den sonst menschenleeren Strand. Zwei Männer, ein junger um die 30 und einer in unserem Alter, stiegen aus und kamen mit zum Gruss ausgestreckten rechten Händen auf mich zu, da ich reflexartig aufgestanden war, unwissend, ob Gutes oder Böses auf uns zukommen würde.
Guten Tag. Wie geht es ihnen? Haben sie gut geschlafen? Willkommen bei uns, tönte es mir freundlich entgegen.
Der Ältere war frisch pensioniert und interessierte sich sehr für uns und unser Ferienprojekt. Ein angeregtes Gespräch ergab sich und er war hocherfreut, dass es uns so gut in seinem Land gefiel. Er beklagte, dass seit dem arabischen Frühling im Jahr 2011 die Abfallsituation sich nur zum Schlechten entwickelt hat. Der fast überall sichtbare und auf fast jeder Fläche und in jedem ausgetrockneten Bach- und Flussbett liegende Abfall ist effektiv ein Schandfleck dieses so schönen Lands. Mir ist unverständlich, dass die Menschen hier nicht mehr Sorge zur Erscheinung der Landschaften tragen und einfach gedankenlos allen Abfall liegen lassen, resp. ihn irgendwo in der Natur entsorgen. Obwohl es in jedem grösseren Ort eine «Rue oder Avenue du Environment» hat, scheinen ökologische Gedanken den meisten Einheimischen genauso fremd zu sein wie der Trommeltext des Faschtewäyje.
Er habe einen guten Freund, der keinen Kilometer von unserem Schlafplatz eine kleine Krabbenfabrik betreibe, meinte er und rief diesen Freund sogleich an, um für uns einen Besichtigungstermin zu vereinbaren, als er merkte, dass ich reges Interesse bekundete. Leider war aber eine Besichtigung nicht möglich, aus welchen Gründen auch immer. Ich merkte ihm an, dass er ein wenig zerknirscht war und so fand der kurze Besuch bald ein Ende.
Als die beiden schon losfahren wollten, stieg der Ältere noch einmal aus und kündete an, er käme noch einmal, denn seinem Freund sei es peinlich, dass er uns nicht einladen könne - er bringe aber nachher ein kleines Geschenk vorbei. Keine Viertelstunde später stand er wieder bei uns und überreichte mir einen Karton mit den besten Wünschen seines Freunds. Es seien ein paar Krabben.
Als wir das Paket öffneten, befanden sind darin vier Karton mit je 500 g tiefgefrorenen zur Zubereitung vorbereiteten Krabben und ein Paket mit einem halben Kilo vakummiertem Krabbenfleisch. Wir befreiten unseren Kühlschrank von den Bierdosen, legten die Krabbenschachteln hinein und schalteten ihn in den Gefriermodus mit -19°C.
Das Abendessen war somit vorgeplant.
Vorne am Wasser wusch Albrecht das wenige Geschirr von gestern Abend mit Sand und Meerwasser aus, bevor wir mit einem Schlenker an der Krabbenfabrik vorbei Richtung Matmata die heutige Fahrt starteten.
Dir Route weg von der Küste führte uns wieder in das Tahar-Gebirge, das wir bereits befahren hatten und damit in die unwirklich erscheinende, karge Stein- und Hügelwelt. Erneut war ich fasziniert von den Formationen, Farben und Formen, die sich uns boten - und bemerkte erneut, wie schier unmöglich es ist, diese Landschaft aussagekräftig mit der Kamera festzuhalten. Bestimmt würde es etwas besser gehen, wenn ich für jede einzelne Ansicht bei genau richtigen Sonnenstand am perfekten Standort abdrücken würde, aber dafür fehlt uns die Zeit und mir die Geduld. Ich weiss sehr gut, warum ich mich nicht auf’s Fotografieren von Landschaften konzentriere.
Je näher wir Matmata kamen desto unwirklicher und spannender wurde die Landschaft. Sie sieht stellenweise genau so aus, wie ich mir die Oberfläche des Mars vorstelle. Helles Ocker bis gemässigtes Braun im Farbton, steinig, zerklüftet, von Furchen und schroffen Tälern durchzogen und scheinbar lebensfeindlich.
Hier wird man aber eines Besseren belehrt, denn diese Landschaft war und ist sehr wohl belebt. Wenn man genau hinschaut, erkennt man immer wieder kleine, Löcher in der Form eines Eisenbahntunneleingangs im unteren Teil der Hänge, wenige Meter über dem Talboden oder über einer Stufe.
Das sind Eingänge zu eingeschossigen Wohnanlagen (sogenannte Troglodyten), in denen einzelne Berber-Familien oder ganze Clans wohnten und zum Teil heute noch wohnen. Diese Art von Wohnanlagen schützen vor den extremen klimatischen Bedingungen (Hitze im Sommer, Kälte in den Winternächten, starke Winde im Gebirge) sowie vor Feinden, denn sie sind oft schwer zu erkennen und finden. Ausserdem lassen sie sich relativ leicht verteidigen.
| Innenhof mit Zimmern und über Stufen erreichbare Speicher im OG. |
Der Aufbau ist immer gleich: das von aussen sichtbare Eingangsloch führt in einen Hof, der nach oben offen ist. Der Hof ist ein etwa 7 bis 10 Meter tiefes rundes Loch mit ebenfalls etwa 10 m Durchmesser, das von oben in den leicht zu bearbeitenden Sandstein gegraben wurde. In den Wänden dieses Hofs befinden sich je nach Grösse mehr oder weniger weitere solcher Löscher, die in die einzelnen Räume der Wohnanlage führen. Oft hat es auf einer zweiten Ebene kleinere Löcher, die über in die Wand gegrabene Stufen zu erreichen sind und als Speicher für verschiedene Vorräte und Dinge des Haushalts dienen.
| eine grosse, offene Troglodyten-Anlage |
Die Troglodyten Matmatas dienten oft als Versteck und waren deshalb besonders während der Zeit unter französischer Kolonialherrschaft beliebt. Es gibt sie etwa seit dem 16. Jahrhundert.
| Backofen für Brote vor einem Troglodyt |
Eine besondere Höhlenwohnung ist das heutige Sidi Idriss Hotel, das bei den Dreharbeiten für den ersten Star Wars Film (Episode IV, 1976) als Kulisse für das Zuhause der Skywalker-Familie diente.
| Plan der Hotel-Anlage |
| Fotos vom Filmset im Museumsraum |
In vergleichsweise riesigen Komplex von fünf zusammenhängenden Höfen mit über 30 Räumen befindet sich heute ein Hotel mit Restaurant, Bar und einem kleinen Museum zum Film. Es ist sehr touristisch aufgemacht, war jedoch als wir es gegen Ende Vormittag besuchten fast ohne Besucher.
Vor allem im Museums-Teil sind viele (originale oder nachempfundene?) Requisiten oder Einrichtungsgegenstände vom Filmset vorhanden. Für Fans dieser Filme ist das Idriss-Hotel ein Pilgerort, der wie kaum ein anderer der vielen in Tunesien ohne grosse Anstrengung als Drehort erkennbar ist. Wie es sich für so einen exklusiven Ort gehört und als Argument um viele Touristen und Fans anzuziehen, ist dieser unterirdische Wohnkomplex ausgezeichnet gepflegt und wird aufwändig unterhalten.
Wie so oft ziehen berühmte Tourismusorte auch hier Trittbrettfahrer wie Souvenirverkäufer und Hobby-Führer an. Mit ein wenig unfreundlicher Ignoranz und allfällig direkter aber anständiger Rückweisung hält man sich diese aber relativ leicht vom Leib. Das wichtigste dabei ist: nicht auf die geschickt gewählten Worte eingehen und auf keinen Fall diskutieren, denn sie beherrschen nicht nur brockenweise fast jede Sprache ausser Saterfriesisch, Lemeirg, Arikara und Rätoromanisch sondern haben für jeden Grund, nicht auf ihr Angebot einzugehen mehrere treffende Argumente bereit, ebendieses zu tun.
Von Matmata führt nach Westen eine direkte eine Strasse zum rund 100 km entfernten Douz, von wo aus wir vor einer Woche in die Sahara gestartet waren. Sie führte uns zunächst auf Serpentinen durch das Dahargebirge zuerst an Tamezret vorbei, das sehr schön auf einem Hügel liegt. Danach ging es in die grosse, der Sahara vorgelagerte Ebene, in der immer wieder Sanddünen auftauchten und in der Ferne Tafelberge erschienen. Diese Art von Landschaft kannten wir bereits von der Sahara-Tour und staunten dennoch erneut über die Weite, das vermeintlich Immergleiche, das sich doch konstant verändert und die schiere Ungastlichkeit für den Menschen.
Ein sehr schönes oasenähnliches Kleinod ist das Kaffee Bir Ghizen an der Abzweigung der Piste C105 nach Kebili. Der Besitzer hat sich mit viel Wasser und Liebe einen kleinen Garten Eden eingerichtet, wo neben verschiedenen Kulturpflanzen wie Olivenbäumen, Reben sowie anderen auch grosse schattenspendende Bäume, ein paar weisse Prachttauben und ein Entenpaar ohne Teich (Enten in der Würste - was für eine absurde Idee!) gedeihen.
Wir nahmen nicht die Piste C105, obwohl sie uns direkt an unseren heutigen Zielort geführt hätte, sondern bretterten auf der asphaltierten Strasse C104 nach Douz. Von dort waren es noch etwa 30 km bis Kebili.
Unterwegs sahen wir einige Kängurus, die dort in Herden als Nutztiere gehalten werden. Ob sie auch gemolken werden entzieht sich meiner Kenntnis, sicher landen sie irgendwann in der Metzgerei.
In Kebili steuerten wir den Camping «Les Amis du Camping» an, der durch seine schöne und sehr saubere Anlage besticht.
Da wir später ein kühles Bier trinken wollten und die Krabben eh vor dem Koch aufgetaut werden sollten, nahm Albrecht diese aus der Box und ich Bing sogleich mit zwei der vier Schachteln bei den anderen vier Campierenden auf dem Platz damit hausieren. Zum Glück konnte ich bei einem der sehr freundlichen Deutschen zwei davon loswerden.
Nach angeregten Gesprächen mit den Deutschen Reisenden machte ich mich etwa um halb fünf Uhr ans Kochen, denn eine Stunde später würde es schon dunkel werden und wir wollten wenn möglich noch bei angenehmen Temperaturen essen.
Zuerst mussten die Krabben in kaltem Wasser vollständig aufgetaut werden, bevor ich die beiden Kartons einzeln in heissem, gesalzenem Wasser ca. 15 Minuten kochte.
Die so zubereiteten Krabben waren sehr lecker - aber das Essen ist ein kleines Gemetzel, denn das Herauspuhlen des wenigen Fleischs ist nicht gerade einfach.
Obwohl wir keine Kräuter zum Würzen haben, sondern die gekochten Schalentiere nur mit passierten Tomaten aus dem Glas, Salz und Pfeffer ergänzten und verfeinerten, schmeckten sie uns sehr.
Einer der Deutschen war schneller als wir und kam bei uns vorbei auf dem Weg zum Abwasch an der grosszügigen Lavaboanlage und meinte, er habe seine Portion gegessen und: «Da bekommt man vom Essen Hunger.» Die Krabben geben in der Tat nicht sehr viel her und die Menge an Abfall ist im Vergleich zum verzehrten Fleisch überproportional gross.
Na...ich wusste nicht das Star Wars Episode 4 in auch in Tunesien gedreht wurde...man lernt nie aus...übrigens....super Fotos und ich lese jeden Tag mit.
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