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Montag, 17. November 2025

17. November 2025. Tozeur und Umgebung


Es war ein denkwürdiger Tag heute!

Blick Richtung Tozeur vom Park Ras El Aïn


Das bemerkenswerteste war - um das gleich vorweg zu schicken - dass es heute gegen Abend zu regnen begonnen hat. Das haben wir überhaupt nicht erwartet!

Schon den ganzen Tag war der Himmel bedeckt, nur ein paar Mal sahen wir blaue Flecken und die Sonne war kaum zu sehen. Trotzdem war die Temperatur sehr angenehm…ich denke, es war wenig unter 25°C warm. Als wir uns langsam für’s Abendessen bereit machen wollten, blitzte es plötzlich und donnerte dann auch kurz darauf. Wenig später, nach weiteren Blitzen, begann es leicht zu tröpfeln und dann richtig zu regnen. Die Wäsche, die ich heute in der Camping-Waschmaschine gewaschen hatte, hing auf einer zwischen Palmen gespannten Schnur und wurde zum Glück nicht stark nass. Wir liessen sie hängen, da wir nicht mit stundenlangen Regengüssen rechneten. So war es dann auch: es regnete immer mal wieder, teil leicht, teils heftiger.

Regenstimmung am Abend


Ich hätte nicht erwartet, dass es hier am Rand der Wüste regnet, aber als Albrecht einen Wetterbericht im Internet aufrief, sahen wir, dass es nur bei uns regnete, obwohl der ganze nördliche Teil Tunesiens bewölkt war. Das Wasser versickerte im Sand rasch, nur auf der Strasse und in Senken blieb es ein wenig stehen.


Nach dem Obtun der Wäsche unternahmen wir eine kleine Tour mit vier Stationen in Tozeur.



Zuerst fuhren wir zu einem - leider nicht in Betrieb befindlichen - natürlichen Schwefelheissbad mit kreisrundem flachem Becken und einer architektonisch sehr schönen Abkühlungsvorrichtung, die das über 60°C heisse Wasser auf angenehme Temperatur abkühlt. Viel mehr kann ich zu diesem Bauwerk nicht sagen - es hat mich durch seine schlichte Schönheit und Fotogenität beeindruckt.




Danach ging es zur «Briquetterie», wo auf traditionelle Weise Ziegelsteine hergestellt werden. 



Tozeur ist bekannt für seine Lehmziegel-Architektur. Die meisten Häuser sind nach traditioneller und für die Stadt typischer Art mit einer Lehmziegelfassade geschmückt, wobei die Ziegelsteine teils längs, teils quer zur Fassadenfront gemauert werden. So wirft die Fassade auf ihrer ganzen Fläche auch bei steil stehender Sonne immer Schatten. Dadurch wird erreicht, dass sich die Fassaden auch im Sommer nicht zusätzlich aufheizen, was bei den hier hohen Temperaturen von enormer Wichtigkeit ist. Im Hochsommer werden hier Temperaturen von über 50°C gemessen - generell ist Tunesien deshalb für Touristen im Sommer kein geeignetes Ziel. Dann fällt auch den Einheimischen das Leben schwer.



Die Lehmziegel werden nach althergebrachter Art hergestellt und ich habe ausserhalb der Stadt auf Salatelitenbildern ein Gebiet ausgemacht, das sehr nach den sogenannten Briquetteries aussah.



Auf meinen Reisen durch Indien und Marokko habe ich bereits solche Gebiete gesehen, es ergab sich hier die Gelegenheit, den Fertigungsprozess aus nächster Nähe zu sehen. Dafür sind wir mit dem Land Rover zu besagtem Gebiert gefahren und haben beim ersten Brennofen angehalten, wo zwei Männer am Arbeiten waren.



Schnell kam ich mit ihnen ins Gespräch und der ältere, 40 Jahre alt, schlug vor, dass er uns den ganzen Prozess Schritt für Schritt erklärte und zeigte. Es war wie in einem Freilichtmuseum, aber echt und direkt aus dem Leben und nicht inszeniert oder nachgestellt.



Für die Lehmziegel braucht es die Tonerde, welche in der braunroten Qualität aus El Hamma hierher transportiert wird. Die graue, helle Qualität ist aus der Gegend und teilweise mit Sand versetzt. Weiter braucht es Wasser, um die trockene Tonerde auszuweichen und für das Formen geschmeidig zu machen. Für das Brennen braucht es Holz, das in dieser Gegend eigentlich nur in Form der Spreiten von abgeschnittenen Palmwedeln und vereinzelten Stämmen von gefällten Palmen vorhanden ist.



An Werkzeug ist sehr wenig notwendig: ein hölzerne Rahmen für das Formen der Ziegel und ein Messer für die Bearbeitung der lederharten halbtrockenen Ziegelsteine.



Die Arbeit ist hart und die Arbeiter werden im Akkord bezahlt, müssen also speditiv arbeiten, um mit dem Verkauf der Ziegelsteine auf dem Markt einen ausreichenden Lohn zu erhalten. (Der Tageslohn eines Handwerkers beträgt laut Aussage des Campingplatzbesitzers hier etwa 7 € pro Tag.) Die Ziegelsteine kosten im Verkauf je nach Grösse zwischen 0.3 bis 0.5 TND (Tunesische Dinar), was etwa 9, resp. 14 € Cent entspricht.



Der Herstellungsprozess gliedert sich in vier Phasen: Vorbereiten des Tons, Formen der Ziegelsteine, Trocknen und Bearbeiten in lederharten Zustand sowie dem Brennen.

Brauner und grauer Ton werden am Ende vermischt


In einer niedrigen, eher baufälligen Hütte stehen halb im Freien mehrere Becken, die teilweise mit Wasser gefüllt sind. In ihnen wird der Ton vorbereitet. Dabei wird die trockene Tonerde zuerst mit Wasser getränkt und lange mit den Füssen geknetet. Rotbrauner und grauer Ton werden dabei gesondert aufgereitet. Erst kurz vor dem Formen werden die beiden Qualitäten miteinander durch Kneten vermischt. Dabei ist der Ton sehr nass und weich.



Das Formen geschieht am Boden. Dabei wird zuerst der bereits sehr ebene Boden abgewischt und etwas Sand/Staub darauf verteilt, damit der Ton der Ziegel nicht klebt. In einen Sechserrahmen wird anschliessend die leicht formbare Masse von Hand eingestrichen und an der Oberfläche mit Wasser glattgestrichen. Der Rahmen wir hoch gehoben und gleich nebenan neu gesetzt, damit die nächste Charge eingestrichen werden kann. Für sechs Ziegel braucht der geübte Arbeiter keine zwei Minuten.



Die Ziegel werden am Ort, wo sie geformt wurden, liegen gelassen, denn das weiche Material wäre jetzt nicht transportierbar. Damit der Ton nicht zu schnell trocknet, wird diese Arbeit im Schatten ebendieser baufälligen Hütte verrichtet, die in unserem Fall, wo zwei Arbeiter tätig sind, vier Räume mit jeweils etwa 25 m2 Fläche umfasst. Während er eine formt, bereitet der andere den Ton vor.



Die Ziegel werden dann je nach Temperatur und Trockenheit zwei bis drei Tage getrocknet. Dann sind sie lederhart, das heisst, sie lassen sich weiter bearbeiten, behalten aber ihre Form wenn man sie in die Hand nimmt.



Die weitere Bearbeitung besteht darin, dass jeder einzelne Ziegel an allen sechs Flächen mit einem Messer oder einer Klinge abgezogen wird, damit diese glatt sind und an den Kanten keine Brauen bestehen. Die Abgezogenen Ziegelsteine werden dann für die weitere Trocknung in kleinen Türmchen so aufgestapelt, dass alle Flächen belüftet sind. Die weitere Trocknung dauert mindestens drei Tage, bei kaltem und feuchtem Klima eher länger.  



Durch dieses Stapeln wird wieder Platz frei für das Formen weiterer Ziegelsteine.

Diese Ziegel sind zwar schon gebrannt - aber man sieht, wie sie eingeräumt wurden.


Als letztes werden die durchgetrockneten Ziegel nun im Brennofen so eingebracht, dass zwischen den einzelnen Quadern genügend Platz besteht, um die Hitze des Feuers regelmässig zu verteilen.



Der Ofen sieht im oberen Teil, wo die Ziegelsteine aufgestapelt werden, wie ein kurzer Kamin mit einem Durchmesser von etwa anderthalb Metern aus. Der Boden sieht aus wie viel zu breite Speichen eines hölzernen Wagenrads und um den Prozess des Befalles des Ofens zu erleichtern ist etwa ein Fünftel der Kaminwand eingerissen (sie wird am Ende des Befalles wieder aufgemauert.) Oben wird ein Deckel aufgesetzt, der es mittels einer Öffnung ermöglicht, den Luftfluss und damit die Intensität des Feuers zu kontrollieren. Da kann man sich wie die Klappe in einem Cheminée vorstellen, mit der der Luftzug und damit die Temeperatur kontrolliert werden kann.



Ist der Ofen gefüllt und die Ofenwand geschlossen, kann mit dem Einheizen begonnen werden. Dafür wird auf der Rückseite des Ofens ein Holzfeuer in der unter dem Bodenniveau gelegenen Brennkammer entzündet. Dieses Feuer sollte so stark sein, dass bei den Ziegeln eine Hitze von rund 1000°C entsteht. Dieses Feuer muss ungefähr 12 bis 14 Stunden am Brennen gehalten werden. Nach dem damit abgeschlossenen Brennvorgang wird dem Ofen zwei bis drei Tage Zeit gelassen, um langsam abzukühlen.



Jetzt wird der Deckel entfernt und die Vorderwand wieder aufgebrochen, damit die gebrannten Lehmziegel herausgenommen und auf eine Palette gestapelt werden können.



Damit ist der Zyklus der Herstellung beendet und der Ofen kann sogleich mit den in der Zwischenzeit neu geformten, getrockneten und bearbeiteten Roh-Ziegeln gefüllt werden kann. Das Herstellen einer Charge Lehmziegel dauert also rund sieben Tage - es kann pro Woche normalerweise eine Ofenfüllung Lehmziegel hergestellt werden.



Wir bedankten uns herzlich für die aufschlussreichen Erläuterungen und die ausführliche Demonstration und bedankten uns mit einem anständigen Trinkgeld. Der ältere Arbeiter hatte eine grosse Freude und schenkte uns je einen der schönen Ziegel.



Als Drittes besuchten wir das Monument zu Ehren von Abou el Kacem Chebbi, das bei der Quelle Ras El Raïn angelegt wurde. Kacem Chebbi (geboren wahrscheinlich am 24. 2. 1909 in Tozeur im Quartier, wo heute das Monument steht - 9. 10. 1934 in Tunis) entstammte einer gebildeten Familie und hatte ein kurzes, von Krankheit gezeichnetes Leben.

Er war der grosse moderne Dichter in arabischer Sprache in Tunesien und setzte sich vehement für die Entwicklung der modernen arabischen Poesie und Literatur ein wofür er mehrere namhafte Symposien veranstaltete. In Anlehnung an seine berühmteste Gedichtsammlung wird er «Dichter des Lebens» genannt. Die letzten zwei Strophen der tunesischen Nationalhymne stammen aus seiner Feder. Sein Porträt ist auf der 10-Dinar-Note abgebildet.

Mit dem sympathischen älteren Kamelführer habe ich ein wenig gesprochen. Er bietet auch Touren durch die Umgebung an.




Zum Abschluss unserer Tour machten wir einen Bummel durch die Altstadt von Tozeur, der Medina. Hier finden sich viele Gebäude, die mit den Lehmziegelsteinen erbaut wurden. In den engen Gassen befinden sich einige Läden sowie der Zentrale Markt, der natürlich am Nachmittag nicht mehr geöffnet war. Die Medina war belebt, aber nicht sehr geschäftig. Sie ist, wenn ich sie mit derjenigen von Marrakesch vergleiche, nicht besonders attraktiv, hat aber ihren eigenen Reiz und ist durchaus einen Besuch wert.


Touristentour auf dem Pferdewagen


Platz beim Zentralmarkt


Künstlermarkt







Motorradmechaniker beim Schwatz

Datteln sind allgegenwärtig



Am Abend, nach dem ersten Regenguss, gingen wir im Restaurant Dar Deda essen, wo es laut unserem Führer Dromedarfleisch zu haben gibt. Das wollten wir unbedingt ausprobieren. 

Gerstensuppe

Dromedarsteak (oben) und Mouloukhia (unten)

Ein Pfefferminztee zum Abschluss

Restaurant Dar Deda


Ich hatte mit meine Wahl etwas mehr Glück als Albrecht, der ein Dromedar-Steak wählte, welches leider trotz guten Geschmacks sehr zäh und deshalb nicht wirklich lecker war. Mein Teller, der Mouloukhia heisst, bestand aus zwei ragoutähnlichen Stücken Dromedarfleisch in einer schwarzgrünen Sauce aus Blättern der Langkapsligen Jute, einer Malvenpflanze, die in der arabischen Welt gern gegessen wird. Diese Blätter werden zerrieben und dann stundenlang zusammen mit dem Fleisch gegart. Die Sauce schmeckt intensiv, etwas bitter und für meinen Gaumen absolut ungewohnt. Aber es war sehr gut. Als Beilage gab es Brot, das hier zu vielen Speisen gereicht wird. Einheimische benutzen das Brot, um die Speisen aufzunehmen und zum Mund zu führen. Besteck wird oft gar keines benutzt.


Mittlerweile regnet es wieder und ich hoffe, dass morgen meine zum Trocknen aufgehängten Kleider nicht bachnass sind - sonst muss ich sie noch einmal in der Maschine schleudern. Platz zum Trocknen im Schärmen haben wir keinen…der Land Rover bietet diesen Luxus nicht.

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