19. November 2025. Tozeur - Sbeitla - Sufetula
Frühstücken, Aufräumen, Bezahlen, Einpacken, Abfahren.
Bevor wir losfuhren, haben wir das Reisemobil des Thurgauer Paares anschauen dürfen. Sie haben seit mehr als 10 Jahren einen Mercedes Sprinter Allrad, der von einer Deutschen Firma als Reisemobil angeboten wird und über einige interessante Details verfügt, mit denen ich nicht nerven will. Fakt ist, dass sie in diesen Jahren insgesamt rund zweieinhalb Jahre damit mehrheitlich in Afrika unterwegs gewesen sind. Obwohl das Fahrzeug nur bedingt Offroad-fähig aussieht, sind sie damit selbst durch Wüsten und schlammigen Dschungel gekommen - laut ihrer Aussage teilweise besser als welche, die richtig hochbeinige Allterrain-Fahrzeuge hatten. Ich war ziemlich beeindruckt.
In Tozeur haben wir uns im Carrefour mit dem Notwendigsten eingedeckt und ich bin im daneben gelegenen Markt noch frisches Obst einkaufen gegangen. Mandarinen, Granatäpfel und Bananen werden mir in den nächsten Tagen helfen, den kleinen Hunger zu überbrücken. Albrecht steht nicht so auf das gesunde Zeugs.
Die heutige Strecke ging nordwärts Richtung Metlaoui, Gafsa nach Sbeitla, vorbei an den grossen Phosphatabbaugebieten im Westen Tunesiens.
Bereits nach wenigen Kilometern entdeckten wir prominent neben der Strasse eine Wasserkühlanlage, wie wir bereits in Tozeur eine gesehen hatte. Im Gegensatz zu der nicht aktiven in der letzten Stadt, dampfte diese hier. Natürlich hielten wir an und schauten sie uns an. Das Wasser wird durch ein Rohr mit etwa 20 cm Durchmesser in den Freiluftkühler gepumpt, von wo es über die Kaskaden tropft und in darunter liegenden labyrinthänlichen quadratischen Stufen hinunter fliesst und schliesslich in einem grosses Bade-Becken gefangen wird.
| Sand und Staub werden von starkem Wind über die Strasse geblasen. |
| Sand-Staub-Sturm |
| Vorsicht Wildwechsel |
Interessant wäre eine Fahrt mit dem «Lézard Rouge», der roten Eidechse, einem roten Zug mit Salonwagen, dessen Strecke der damalige Bey von Tunis, Mohamed Pacha, 1910 von Oudhref bei Gabès nach Redeyef hat bauen lassen und der seit 1995 als Touristenattraktion verkehrt. Leider fährt dieser Zug so nah an die algerische Grenze, dass es heute scheinbar zu gefährlich ist, dorthin zu fahren. Die Fahrt des Zuges muss sehr schön sein, denn er fährt durch die enge Seldja-Schlucht und am Ende lockt nicht weit entfernt bei Tamerza ein Wasserfall in einem Palmenhain. Die Entscheidung, diesen Zug zu benutzen, hat sich insofern erledigt, dass er wie auch die Phosphat-Transporte seit 2018 nicht mehr durch diese Schlucht fahren, weil dort ein Zug entgleist ist und seither die Strecke als unbefahrbar gilt. Der entgleiste Zug konnte, so scheint es, wegen der Unzugänglichkeit der Unfallstelle noch nicht geborgen werden.
In den Bergen zwischen den Städten Metlaoui, Gafsa und Redeyef wird in grossem Stil dieser Phosphat für Dünger abgebaut. Dort soll die Landschaft von den Sprengungen und den durch die grossen Bagger und Lastwagen zerfurchten Boden wie eine Mondlandschaft aussehen. Wir haben dieses Gebiet bewusst nicht besucht, weil die ganze Gegend stark von Polizei und Nationalgarde bewacht wird und die Chance, in so eine Abbaustelle hinein zu kommen, deshalb sehr gering ist.
| Metlaoui mit Phosphat-Abbaugebiet |
Wir sahen von der Strasse aus in der Ferne zwei Phosphat-Abbaugebiete.
| Phosphatabbau bei Gafsa |
Tunesien verfügt - im Gegensatz zu seinen Nachbarn Algerien und Libyen, die über reiche Erdöl- und Erdgasvorkommen verfügen - über fast keine Bodenschätze. So sind die reichen, 1885 entdeckten, Vorkommen im sogenannten Phosphatbecken rund um die Stadt Gafsa wirtschaftlich ein Segen. Vor der Revolution im Jahr 2011 erzeugte der Handel mit dem abgebauten Rohstoff rund einen Fünftel der Staatseinnahmen.
| Geleise der Phosphat-Bahn in Metlaoui |
Die Schattenseiten dieser Industrie sind nicht nur massive Schäden in der Landschaft, sondern und vor allem empfindliche Schäden an der Gesundheit der Menschen. Ein hoher Fluoridgehalt in Grundwasser und in der Luft lässt den Zahnschmelz der dort lebenden Menschen gelb bis braun werden, macht ihn porös und fleckig und zerstört die Zähne oft schon in der Kindheit und Jugend. Auch in der Hafenstadt Gabès, wo das Phosphat weiter verarbeitet und schliesslich verschifft wird, ist die Luft durch einen starken Gestank als verunreinigt wahrnehmbar und die ungehindert ins Meer fliessenden Abfälle erzeugen laut Umweltorganisationen ein stark erhöhtes Krebsrisiko.
| Kurz vor Gafsa |
Die hiesigen Gepflogenheiten im Strassenverkehr sind ziemlich abenteuerlich. Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote, resp. durchgezogene Linien in der Mitte der Strasse werden hier eher als Vorschläge wahrgenommen und kaum jemand hält sich daran, ausser sein Fahrzeug kann nicht schneller fahren. Vor allem innerorts herrscht - auch wegen der sehr beliebten Verkehrsberuhigungs-Rampen - an vielen Orten der reine Wilde Westen. Auf zweispurigen Dorfstrassen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h überholen sich Autos trotz Überholverbot, fahren Motorräder (bessere Motorroller) rechts in hohem Tempo vor und Fahrräder und Fussgänger bewegen sich am Rand der Strasse und des Lebens.
| Ausgeschaltete Autoleichen |
Albrecht hat einige dieser gefährlichen Verhaltensweisen vor allem ausserorts ein wenig angenommen, was ihm heute fast zum Verhängnis geworden ist. Nicht dass fast ein Unfall passiert wäre oder eine gefährliche Situation eingetreten wäre. Aber am Eingang einer kleinen Ortschaft überholte er mit etwas übersetzter Geschwindigkeit trotz Sicherheitslinie einen vollgepackten Transporter, der vor einer «Speed Camp» abbremste - und keine 100 m dahinter stand eine Polizeipatrouille mit Radarpistole und wir wurden zum Anhalten angewiesen. Mit wichtigem Schritt kam der Polizeigeneral auf unser Fahrzeug zu und verlangte nach Fahrzeug- und Führerschein sowie nach dem Verischerungsausweis. Nach einer freundlichen aber bestimmten kurzen Diskussion sprach er die unmissverständliche Drohung aus, beim nächsten Mal würde das den Entzug des Fahrausweises nach sich ziehen und wir durften unter Vorbehalt und etwas beschämt langsam davon rollen. Leider konnte ich von der Situation keine Fotos oder einen Film machen…ich hätte diese Episode gern in Bildern festgehalten und hier gezeigt.
Die Landschaft, durch die wir fuhren, lag in einem sehr weiten und flachen Tal, das auf beiden Seiten von Gebirgszügen begrenzt war. Die Ebene schien fruchtbar zu sein, denn sie war in der flachen Perspektive hauptsächlich grün, was wir bisher noch nicht gesehen hatten.
| Eukalyptus-Bäume am Strassenrand |
Am Strassenrand standen zu meinem Erstaunen und zum ersten Mal Tausende von Eukalyptusbäumen, dahinter dominierten Olivenbäume in einer schier unendlichen Anzahl. Zwischen den Bäumen konnte ich an vielen Stellen Felder von Chilies und Zwiebeln ausmachen. Zwischen und um die Bäume waren Bewässerungsschläuche verlegt, was die für tunesische Verhältnisse üppige Vegetation erklärte. Am Strassenrand lagen immer wieder Gebäude, die von Kleinlastern angefahren wurden und wo die damit gelieferten Oliven gepresst werden. So eine «Huilerie» möchte ich noch anschauen gehen!
Die Ortschaften werden grösser und belebter, seit wir Richtung Norden fahren und die Art der an der Strasse liegenden Geschäfte lässt auf rege Handels- und Dienstleistungaktivitäten schliessen. Es gibt viel mehr Marktstände mit Esswaren, Metallverarbeitungsfirmen, die Türen und Tore herstellen, sehr viele Auto- und Motorradmechaniker auch der Dienstleistungssektor mit Banken und Büros ist viel grösser. Besonders aufgefallen sind mir in einer Ortschaft die Motorenspezialisten, die zwischen Häuserzeile und Strassengraben Dutzende von schwarzen Motoren und -teilen liegen haben und mit Gabelschlüssel und anderem Werkzeug daran herumschrauben. Der Boden ist bei ihnen wie auch bei den bereits beschriebenen improvisierten Tankstellen ölig und dunkel. Öle, Fette und Treibstoffe werden an solchen Orte bedenkenlos auf den Naturboden tropfen und fliessen gelassen. Bei uns hätte das Amt für Umwelt schon längst die Freiluftwerkstatt lahmgelegt.
| Tunesische Version des Migros-Wagen |
Autos, die nicht mehr zum Fahren gebracht werden können - und dafür braucht es in Tunesien viel, sehr viel! - werden komplett ausgeschlachtet. Die Karosserie-Gerippe findet man nicht selten irgendwo am Strassenrand oder auf dem freien Feld liegen. Ausser teilweise von Wind und Sand natürlich sandgestrahlten Blechresten ist da kaum noch etwas brauchbares dran.
Abgesehen von diesen für uns Europäer spannenden Situationen sind die kleineren Ortschaften, die wir bisher gesehen haben, grösstenteils schmucklos und gelinde ausgedrückt optisch nicht sehr attraktiv. Gebäude, Strassen und der dazwischen liegende Bereiche, wo bei uns ein Trottoir läge, scheinen nicht gepflegt zu werden und ihnen wird keine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Es sind reine Zweck-Orte, wo Stil, Schönheit und Design nicht wahrgenommen werden können. Am Rand der Agglomerationen entstehen vereinzelt neue Häuser, die eine gewisse Absicht, sich ein schönes Zuhause bauen zu wollen, vermuten lassen.
Am Ende unseres heutigen Weges lag mit der Stadt Sbeitla mit etwa 30’000 Einwohnern, einer ebendieser Orte. Sie wurde an der Stelle der zur Zeit der Römer hier gelegenen Stadt Sufetula gebaut. Wären die zu einem kleinen Teil gut erhaltenen Überreste nicht vorhanden, kein Reisender würde freiwillig hierher kommen.
Sufetula wurde kurz nach Christi Geburt gegründet und erlebte wie die meisten römischen Städte in der Umgebung in den erst zwei bis drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Blütezeit. Sie verfiel allerdings nicht wie die meisten nach dem Niedergang des Römischen Reichs, sondern entwickelte sich dank der florierenden Landwirtschaft mit Oliven- und Getreideproduktion weiter und hatte auch unter den Christen einen wichtigen Status. Die Türken bauten sie festungsähnlich aus. Im Jahr 647 wurde sie von den Arabern zerstört.
Obwohl das Ausgrabungsgelände heute etwa 60 Hektar gross ist, liegen unter den neueren Gebäuden und im Umland noch grosse Gebiete, die archäologisch noch nicht erfasst sind.
Das eingezäunte Ausgrabungsgelände, für dessen Besuch man 8 TND (etwa 2.20 €) zahlt, ist wenig besucht. Trotzdem umgarnen einen selbsternannte Führer und auf dem Gelände werden einem «wirklich echte» Münzen zum Kauf angeboten.
Unter den sehenswerten und gut erhaltenen (teilweise rekonstruierten?) Bauwerken sind der Triumphbogen des Diokletian, Reste einer Ölmühle, ein privates Bad mit Fisch-Mosaik, ein Theater und vor allem das Forum, das man durch den Antoninus-Pius-Bogen betritt, herausragend. Das Highlight ist ein dreiteiliger Kapitolstempel, der den Göttern Juno, Jupiter und Minerva geweiht war.
Wäre ich ein Arschologe, wäre mir der Umstand, dass Sonnenuntergang und zu Ende gehende Öffnungszeiten näher rückten, zum Stress gediehen. Aber ich hatte genug gesehen und ein paar schöne Fotos machen können. Und ich hatte es geschafft, mich nicht von Führern und Antiquitätenhändlern einlullen zu lassen.
Unseren Schlafplatz fanden wir auf dem Camperparkplatz des Hotel Sufetula, wo wir auch das Abendessen-Buffet haben benutzen dürfen. Hier sind wir durch Mauer und bewaffnete Security vor den Terroristen etwas westlich im Gebiet um Kasserine sicher und können in der doch sehr kalten Nacht beruhigt schlafen.
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