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Donnerstag, 20. November 2025

20. November 2025. Sbeitla - Siri Bouzid - Stauseen - Kairouan 


Nach einer sehr kalten Nacht auf etwa 600 müM. haben wir dick eingemummelt in der nicht sehr wärmenden Morgensonne einen Kaffee getrunken und uns dann relativ bald auf den Weg gemacht Richtung Kairouan. Der Link zur Strecke ist nicht ganz korrekt, da Google Maps die von uns gefahrene Strecke nicht korrekt verknüpfen will. Ich habe die Strecke mit einer GPS-Tracker-APP aufgezeichnet - der Screenshot lässt sich leider nicht ins Detail zoomen.



Vor der Abfahrt machte ich noch ein paar Fotos in der unmittelbaren Umgebung.

Kaktusfeigen

Einbruchsschutz beim Hotel



Erste Zwischenstation war auf meinen Wunsch die Stadt Sidi Bouzid, weil dort laut unseres Reiseführers nach viele Graffitti an den damals 26-jährigen Tarek al-Tayeb, besser bekannt unter dem Namen Mohamed Bouazizi, der sich am 17. Dezember 2010 mit Benzin übergoss und selbst anzündete, erinnern sollen. Sein tragischer Tod am 4. Januar 2011, meinem 48. Geburtstag, gilt als Beginn des «Arabischen Frühlings». In der Folge gingen in Tunesien immer mehr menschen auf die Strasse und demonstrierten gegen die Regierung von Präsident Ben Ali, der in der Folge das Land verliess und nicht mehr zurückkehrte.


Obwohl wir mitten ins Zentrum fuhren, sahen wir keinerlei Anzeichen dieser Proteste und vom Zelebrieren des Kults um die «Wiege der Revolution», wie es im Reiseführer angepriesen wird, merkten wir gar nichts. Die Stadt pulsierte rund um den Markt und wir liessen uns vom stockenden Verkehr vorwärts schieben. Ohne anzuhalten - einen Parkplatz zu finden schien uns unmöglich - beschlossen wir, unseren Weg unverrichteter Dinge nordwärts fortzusetzen.


Viele Feigenkaktusse (ja, dieser Plural ist dudenkonform) verdorren und scheinen von einem Pilz oder Schädling befallen zu sein

Das nächste Zwischenziel war das Djebel Touati Naturreservat, das am Stausee Barrage Sidi Saad gelegen ist. Dorthin fanden wir auf einer Route durch beeindruckende Hügelzüge, in denen sich die Geologie in gefalteten, verschieden farbigen Sedimentschichten und dramatisch ausgewaschenen Minicanyons plastisch ablesen liess. Aus einer sehr fruchtbaren und erstaunlich grünen Ebene steigt ein Hügelzug empor, der eine grossartige Kulisse auf unserer Fahrt über eine schöne aber holprige Piste durch Olivenhaine, Wälder von Feigenkakteen und vereinzelte Weiler begleitete.


Fruchtbare Ebene zwischen den Hügelzügen

Geologisch interessante Formation

Barrage Sidi Saad mit aufgefalteten Sedimentschichten im Vordergrund

Distel auf dem Weg zum Ecomusée

Barrage Sidi Saad

Feigenkakteen (jetzt der alte Plural) als Zaun


Es gab auf dieser als normale Strasse in Google Maps deklarierten Piste ein paar anspruchsvolle Passagen. Eine Durchquerung eines Wadi (ausgetrockneter Flusslauf) mussten wir zuerst zu Fuss rekognoszieren, um einen mit dem Land Rover befahrbaren Track zu finden. Albrecht war in seinem Element und strahlte wie ein Maikäfer als es steil über eine ausgewaschene Böschung hinab ging und er mit eingeschaltetem Vorgelege, welches wie eine Vor-Untersetzung wirkt und die Räder viel langsamer drehen lässt, die etwas heikle Passage gemeistert hatte. Ich habe diese paar Meter zu Fuss begleitet und dabei ein paar Fotos gemacht, auf welchen das Ganze viel weniger dramatisch aussieht, als es in Wirklichkeit war.

Zu durchquerendes Wadi

Abfahrt

Aufstieg - beides für Albrecht eine Freude mit Leichtigkeit


Beim Naturreservat angekommen standen wir plötzlich vor einem Tor, geschmückt mit der tunesischen Flagge und wurden vom gehbehinderten Parkwächter abgewiesen. Ein Weiterkommen sei nicht möglich, der Zutritt sei verboten.

Eingang zum Ecomusée


Also suchten wir einen Weg, dennoch einen Blick auf den Stausee Barrage Sidi Saab zu werfen und fanden eine Strasse, die uns zur Polizeiakademie kurz vor der Staumauer vorbeiführte. Ein Uniformierter hielt uns an, fragte, was wir wollten und liess uns nach befriedigender Antwort weiter fahren. In der Furt über den Auslass des Stausees, wo wir kurz für ein paar Fotos angehalten haben, sah ich beim Näherkommen etwa zehn sich am Ufer sonnende Schildkröten verschreckt ins Wasser springen - leider war ich zu langsam mit der Kamera. Da sich die putzigen, etwa 20 cm langen Tiere sofort im schlammigen Boden des Tümpels versteckten und innert nützlicher Frist nicht wieder hervor kamen, bestand auch keine Möglichkeit sie zu fotografieren.

Strasse zur Staumauer

Tümpel unterhalb des Überlaufs

An diesem Ufer sonnten sich die Schildkröten


Aber wir entdeckten eine Schotterpiste, die an den Druckleitungen, die vom Stausee kamen, entlang zur massiv aus Beton gebauten Barrage führte. Nach ein paar Hundert Metern Schotter befanden wir uns plötzlich auf einer den Anschein nach alten Teerstrasse, welche mit historischen Strassenschildern aus französischer Kolonialzeit bezeichnet waren, auf denen die weisse Farbe von der Sonne komplett weggebrannt war. Wir schafften es bis zum Schlagbaum, der ein Weiterfahren untersagte und das Fotografieren strengstens verbot. Deshalb konnte ich leider keine Fotos aus der Nähe von der imposanten Konstruktion machen.

Piste zum Überlauf entlang der Druckleitung 

Massive Überlauf-Konstruktion

Aber ich ging zu Fuss bis auf die Brücke über dem Überlauf und stellte mit Erstaunen fest, dass der Wasserspiegel des Stausees mindestens 50 m unterhalb des durch die Sperre festgelegten Überlaufs lag. Wäre der Stausee bis zu dieser Marke gefüllt, so läge die gesamte Ebene, die wir zuvor durchfahren hatten, unter Wasser. Wir fragten uns, ob dieser Stausee je voll gewesen sei und wenn nicht, was der Grund dafür war. Haben die Grundbesitzer mit ihren Olivenplantagen und Gemüse- und Gewürzgärten wohl dagegen protestiert?Was war der ursprüngliche Plan, als diese Sperre aus Beton gebaut worden ist?

Alte Strasse mit abgeschossenem Verkehrsschild am Fuss des Erddamms


Für den Rückweg wählten wir eine andere, genauso alte Strasse, die wohl wie die vorige vor dem Bau der Staumauer als normale Verbindungsstrasse gedient hatte. Dieser Weg führte uns am Fuss eines massiven Erddamms und an einer teilweise zerstörten Bahntrasse mit Brücken und einem Tunnel entlang. Am Ende kamen wir wieder genau bei der Polizeiakademie heraus und ich hoffte, dass uns die Uniformierten nicht gesehen hatten und nicht für die bestimmt verbotene Rundfahrt auf den alten, nicht mehr in Betrieb befindlichen Strassen abstraften. Aber wir konnten unerkannt unseren Weg fortsetzen.

Bahntrasse mit eingestürzter Brücke auf dem Rückweg vom Überlauf Sidi Saad

Seitental auf dem Rückweg mit Nadelbäumen


Jetzt sollte es Richtung Kairouan gehen und Albrecht meinte, er würde am liebsten abseits der grossen Verbindungsstrassen bleiben. Ich fand spontan eine Piste, die uns wieder durch die Pampa zu einem weiteren Stausee, der Barrage Houareb führte. Es ging vorbei an einem Tagbaugebiet, das von weitem durch die Abraumhalden erkennbar war. Staub und viele schwer beladene Lastwagen zeugten von reger Tätigkeit. Leider waren zu Zufahrten zum durch einen hohen Zaun abgesperrten Gebiet mit strikter Kontrolle gesichert, so dass wir zu meiner Enttäuschung nicht einfach reinfahren konnten. Schon in Zentralasien hätte ich mir gerne so ein Tagbau-Bergwerk angeschaut, aber es soll offensichtlich nicht sein. 

Wunderbare Piste abseits der grossen Routen auf speziellen Wunsch von Albrecht

Zwischen den Olivenbäumen wird unter anderem Chili angepflanzt

Land Rover neben Chili-Feld

Perfekter Kegel in der Ebene

Teilweise durch Steinbruch abgetragener Hügel

Unterwegs zur Barrage Houareb

Abraumhalden

Tagbau bei der Barrage Houareb


Gleich nebenan fanden wir eine Strasse, die wiederum am Fuss des zweiten Erddamms lag, und folgten ihr bis zu einer ähnlichen Barrage mit Überlauf - Oued Marguellil genannt - wie vorher. Auch hier war hinter dem Damm und dem Überlauf kein Wasser. Hier war es nicht einmal sichtbar. Dafür trafen wir ein paar junge Tunesier, die auf der Brücke über den Überlauf geparkt und sich hinter ihrem Pickups versteckt hatten. Dort tranken sie Bier und wollten uns auch dazu einladen. Ich winkte dankend ab, denn wir uns würden erst am Abend nach Sonnenuntergang und nach dem Autofahren ein Bier genehmigen. Wir bekamen aber einen Viertel Granatapfel, welchen ich wegen Albrechts Verweigerung, vitaminhaltige Frischnahrung zu sich zu nehmen, alleine verdrücken durfte.

Auslaufbecken unterhalb der Barrage Houareb


Überlauf der Barrage Houareb - wieder ohne Wasser

Ich wollte danach schon die Strecke Richtung unseres Endziels Kairouan einschlagen, aber Albrecht bog neben dem Überlauf spontan auf eine Spur in den lichten Wald ein und genoss es, sich mit dem Geländewagen ins Dickicht zu begeben. Nach ein paar Minuten Fahrt auf einer unwegsamen und holprigen Piste kamen wir plötzlich an den Strand eines relativ kleinen Sees. Ich stieg aus und bewegte mich mit der Kamera bewaffnet über den fast ausgetrockneten Schlammboden zum Wasser. Schon nach wenigen Metern merkte ich, wie sich vor meinen Schritten sich wie Heuschrecken im Gras auf einer Alp kleine Lebewesen bewegten. Bei genauerem Hinschauen erkannte ich Hunderte kleiner Frösche, die sich, perfekt getarnt in den Farben des sie umgebenden Schlammbodens, vor meinen Schritten in Sicherheit zu bringen versuchten. Es gelang mir, ein paar brauchbare Fotos von ihnen zu schiessen, was im gleissenden Sonnenlicht, das mir die Sicht auf den nicht wirklich hellen Klappmonitor der Kamera fast verunmöglichte, gar nicht einfach war. Ich konnte die Kamera nicht vor’s Auge halten, da ich mich dafür hatte auf den morastigen Boden hätte legen müssen. So kleine Lebewesen muss man aus der Froschperspektive fotografieren, denn nur so kommen sie schön zur Geltung. Senkrecht von oben ergibt das keine guten Fotos.

Seelein bei der Barrage Houareb

Frosch beim Stausee



Das wäre ein perfekter Standplatz - bei der Barrage Houareb


Auf dem Rückweg zur Strasse sah ich gerade noch einen Wiedehopf davon fliegen - natürlich ging es so schnell, dass ich ihn nicht fotografieren konnte. Von da aus blieben uns noch rund 35 km bis Kairouan, welche im verhältnismässig grossen Verkehrsaufkommen Richtung dieser grossen Stadt flüssig und gemütlich zu bewältigen waren. Etwas störend sind die vielen Speed-Ramps, welche vor allem die heillos mit Tomaten, Kürbissen, Oliven und anderen landwirtschaftlichen Pordukten überladenen Pickups jeweils zum Abbremsen auf Schneckentempo zwingen. Wegen des starken Gegenverkehrs war das Überholen dieser verkehrsbehindernden Fahrzeuge selten möglich.

Unterwegs Richtung Kairouan


In Kairouan peilten wir zuerst den Parkplatz des Hotel Kasbah in der Nähe der grossen Zentralmoschee an, weil dieser in der App «Park4Night», die uns von anderen Reisenden empfohlen worden war, als möglicher Standplatz für Wohnmobile aufgelistet war. Es stellte sich aber heraus, dass dort zwar in der Strasse geparkt und auch übernachtet werden kann, dass es aber nicht möglich ist, neben dem Fahrzeug in Campingstühlen zu sitzen und schon gar nicht ein Bierchen zu trinken. Also fuhren wir trotz sehr freundlichen Torwächtern, die uns eine Aufsicht über unser Fahrzeug angeboten haben, weiter zur zweiten Adresse beim Jugendhaus der Stadt, das auf dem Gelände des Leichtathletik- und des Fussballstadions liegt. Dort wurden wir freundlich begrüsst und dürfen nach ordentlicher Anmeldung mit Pass und Registrierung der Autonummer sowie dem Bezahlen einer Gebühr von 7 TND (€ 2.05) pro Nacht und Person bleiben. Die Toiletten stehen uns ebenso zur Verfügung. Ich finde, wir zwei älteren Herren sind beim Jugendhaus genau richtig platziert.

Dunkle Gewitterwolken vor dem Abendessen - es hat nicht geregnet


Nach einem einfachen Abendessen im kleinen Tie Break Coffee nebenan machte ich mit der Kamera und dem Stativ einen Abendspaziergang im angrenzenden Stadtteil, während Albrecht sich gemütlich zum Auto zurück begab. 


Nachdem es beim Eindunkeln plötzlich dramatische dunkle Gewitterwolken am Himmel hatte und ich von den beleuchteten Palmen neben unserem Fahrzeug ein paar Langzeitbelichtungen versucht hatte, bekam ich Lust auf ein bisschen Bildmalerei mit der Kamera und suchte auf dem Spaziergang nach geeigneten Motiven. 

Kairouan by Night





Leider ist auch Kairouan wie bisher fast alle anderen Städte, nicht wirklich schön. Es mag in der Medina ein paar malerische Ecken haben, aber der ganze Rest der Stadt ist eher unansehnlich und unspektakulär. Und es ist wie leider fast überall dreckig. Müll und Unrat liegt in jeder Strasse und niemand scheint sich um dessen Entsorgung zu kümmern. Mich verwundert das sehr, denn Kairouan ist mit ihrer grossen Moschee für die Sunniten nach Medina, Mekka und Jerusalem die viertwichtigste Stadt. Da hätte ich erwartet, dass den vielen Pilgern und zahlreichen Touristen die Stadt von ihrer besten Seite gezeigt werden würde. Aber dem ist nicht so. Es scheint überhaupt im Land kaum ein Bewusstsein für öffentliche Sauberkeit vorhanden zu sein. Bestimmt kümmern sich die Menschen um eine saubere Wohnung, was vor der Tür, ennet der Strasse und auf dem Feld geschieht, scheint sie jedoch in keiner Weise zu interessieren. Ich habe noch kein Fetzchen Plastik, keine einzige Kippe oder PET-Flasche achtlos weggeworfen, sondern jeden noch so kleinen Abfall in einem Plastiksack gesammelt und dann in eine Tonne geworfen - von dort ist er mit Bestimmtheit irgendwo im Freien abgeladen worden. 

Leidiges Thema Abfall


Offensichtlich ging der Staat leider auch nicht mit gutem Beispiel voran. Bisher hat es nur dafür gereicht, als Alibi-Übung in jeder Ortschaft eine Avenue de l’Environnement zu installieren. Am 14. November hat nun der tunesische Umweltminister angekündigt, dass ein Pilotprojekt für eine KVA in Angriff genommen werden soll, mit der aus der Verbrennung von Abfall Strom erzeugt werden wird. Bisher wurde Abfall offiziell auf insgesamt 16 Deponien im ganzen Land entsorgt - der Rest wird einfach wild in Flussläufe, über Abhänge oder hinter die Siedlungen gekippt.

Die Landschaft Tunesiens ist so schön - da stört Abfall nur.


Diese Nacht wird gemütlicher, da es hier im Unterland (wir befinden uns auf 60 müM) deutlich wärmer ist als im Hügelland gestern. So freue ich mich schon auf einen Kaffee ohne dicke Jacke, Schal und Wollmütze.

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