21. November 2025. Kairouan - Madhia
Heute sind wir seit drei Wochen unterwegs, was mir nach all den guten Momenten, schönen Landschaften, interessanten Geschichten und tollen Erlebnisse viel länger vorkommt.
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| Oma ibn Nafaa-Moschee |
Am heutigen Freitag mussten wir uns etwas beeilen, denn die grosse Oma ibn Nafaa Moschee schloss wegen des wichtigen Freitagsgebets für Besucher bereits um 12 Uhr. Obwohl es in Kairouan noch einige interessante und wichtige Bauwerke und Stätten zu besichtigen gäbe, haben wir uns entschlossen, es bei der grossen Haupt-Moschee zu belassen. Da wären noch die Drei-Tore-Moschee (Muhammad ibn Chairun), das Grab des Prophetengefährten (auf Deutsch auch Barbiermoschee genannt), die Stadtmauer, verschiedene private Moscheen und Bauten sowie die verschiedenen Märkte zu besuchen wären.

Kairouan hat eine bewegte Geschichte. Die heute etwa 120’000 Einwohner zählende Stadt war von Anfang an eine muslimische Stadt und wurde nach 666 n.Chr. von Arabern als Heerlager auf ihren Feldzügen errichtet. Unmittelbar neben der Hauptmoschee lag und liegt ein Brunnen, der die Gründung der Stadt begünstigt hat. In der kargen Gegend sind Brunnen und die selteneren Quellen die Grundvoraussetzung zur Bildung einer Siedlung.
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| Kinder einer Schulklasse in der Moschee |
Da zur Zeit der Stadtgründung das Mittelmeer von der byzantinischen Flotte beherrscht war, entstanden erste Stützpunkte und Heerlager jeweils im Landesinnern, wo sie vor den Schiffen Byzanz’ geschützt waren. Die optimal gewählte Lage und der Umstand, dass die Entfernung zur Küste (ca. 55 km) nur eine Tagesreise dauerte, was ritualrechtlich keine Kürzung des täglichen Gebets als «Gebet des Reisenden» notwendig machte, verlieh der Stadt eine strategisch bedeutsame Rolle.
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| Strasse bei der Moschee |
Viele islamische Pilger aus Andalusien zogen durch Kairouan auf ihrem Weg zu den drei wichtigsten Orten der Moslems in Mekka, Medina und Jerusalem. Deshalb (und aus noch anderen, religiösen Gründen) wurde Kairouan vor allem im Nordafrikanischen Raum zur viertwichtigsten Stadt der islamischen Welt.
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| Säulengang vor dem Gebetssaal |
Es würde zu weit führen, die sehr gut dokumentierte Geschichte der Stadt hier wiedergeben zu wollen - und ich könnte das auch gar nicht. Wen es interessiert: in Wikipedia und an bestimmt auch vielen anderen Orten ist diese nachzulesen.
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| Hof der Moschee |
Die Oma ibn Nafaa-Moschee ist eine von einer hohen befestigten Mauer umgebener Ort des Glaubens, der durch seine schlichte Schönheit und seine bemerkenswerte Grösse fasziniert. Sie umfasst ein Gebiet von etwa 9000 m2 und hat eine Länge in N-S von etwa 125 m und eine Breite in E-W von rund 75 m. Moscheearchitektonisch gilt sie als frühestes Beispiel einer Hofmoschee des T-Typs, wo gegenüber des Minaretts der mittig angeordnete, quer liegende Gebetsraum liegt. Der riesige Innenhof ist mit weissem und gelbem Marmor ausgelegt und fungiert als Wassersammler. An verschiedenen Stellen befinden sich spezielle Bodenfliesen mit Löchern, durch das Regenwasser in Zisternen sickert.
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| Steinplatte mit Loch für Regenwasser |
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| Zentrale Regensammlung |
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| Deckel auf einer der Zisternen |
Der Hof ist von Säulengängen mit Hufeisenbögen, die auf Doppelsäulen ruhen umgeben. Hier ist auffallend, dass sowohl Säulenfundamente, Säulen und die Kapitelle jeweils gar nicht zu einander passen. Das hat seinen Grund darin, dass diese architektonischen Elemente von Bauten aus Karthago und vielen anderen im Zerfall bestehenden Stätten der Griechen und Römer zusammengetragen wurden und hier eine neue Verwendung fanden. Wie fast überall wurden also alte Gebäude als Steinbrüche für die Errichtung neuer benutzt. Das war z.B. auch in Basel so, wo Steine und anderes Material der Stadtmauer und der Stadttore nach deren Abriss in damals neu errichteten Gebäuden verwendet wurden.
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| Hof, links der weisse Block mit Treppe zur Sonnenuhr |
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| Sonnenuhr |
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| Sonnenuhr Detail |
Mitten auf dem Platz (aber nicht in der Mitte) steht weisser Klotz, auf dessen Oberseite eine Sonnenuhr eingelassen ist. Über eine Treppe kann man diese betrachten und lesen. Sie soll die Gebetszeiten anzeigen.
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| Gebetsraum |
Den Gebetsraum durften wir nicht betreten, weil wir Nichtmuslime sind und weil heute Freitag war. Eine grosse Bibliothek mit diversen alten und wichtigen Koranbüchern und vielen anderen Islamischen Schriften befindet sich ebenfalls in der Moschee.
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| unterschiedliche Fundamente, Säulen und Kapitelle |
Diese Moschee ist sehr gut dokumentiert und erforscht - weitergehende Informationen sind im Internet (Wikipedia) verfügbar. Ihre Bedeutung, Architektur und Geschichte in Gänze zu erfassen und zu verstehen überschreitet meine Kompetenzen und Fähigkeiten - ich bin aber tief beeindruckt weiter gegangen.
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| Autobahn A1 - Trans African Highway |
Auf dem Weg Richtung Mahdia an der Küste hatte ich Gelegenheit, eine der Olivenölpressen zu besichtigen. Wir sind einfach frech in den Hof einer «Huilerie» gefahren und ich habe mein Anliegen, den Vorgang der Pressung erklärt zu bekommen, dem Besitzer vorgebracht. Dieser meinte im Scherz, das koste 200 Euro, worauf ich auf dem Absatz kehrt machte um dann die Lehrer-Karte auszuspielen. Die pädagogische Begründung stach und ich erhielt eine Führung in der aus momentanem Mangel an angelieferten Oliven heute still stehenden Anlage. Es war sehr interessant - ich verzichte aber auf die Wiedergabe der ausführlichen Erklärungen.
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| Der Chef (rechts) und sein Freund |
Erwähnenswert finde ich, dass die «Abfallprodukte» Wasser und Kernsplitter vollständig weiter verwertet werden. Das Wasser, welches von Öl zentrifugal abgeschieden wird, wird zur Düngung auf den Feldern der Bauern ausgebracht und die getrockneten Kernsplitter dienen zur Heizung der Anlage, mit welcher die zermatschten Oliven auf Temperatur gebracht werden um das Öl zu lösen (wenn ich es richtig verstanden habe).
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| Angelieferte kleine Oliven |
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| die Presse |
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| Ausscheiden der zerkleinerten Kerne |
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| Sammlung des Wassers als Dünger |
Natürlich durfte ich frisch gepresstes Olivenöl degustieren. Der Chef füllte eine gläserne Tasse aus dem grossen Bottich von welcher ich einen herzhaften Schluck nahm. Es schmeckte sehr gut, war aber etwas bitter. Ob das gut ist, kann ich als Olivenöl-Laie nicht beurteilen. Ein Mitarbeiter füllte anschliessend einen halben Liter Öl in eine leere Mineralwasserflasche, welche ich mitnehmen durfte.
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| meine Probe Olivenöl wird abgefüllt |
Nach der Besichtigung wollten alle vier Angestellten inklusive des Chefs und eines seiner Freunde fotografiert werden. Ich habe ihnen die Fotos eben per Whatsapp geschickt.
Auf unserem weiteren Weg Richtung Küste und damit auch zu unserem ersten richtig touristischen Ziel war geprägt von Tausenden Olivenbäumen, die hier überall stehen. Sie werden alle bewässert, was die fast lückenlose Bepflanzung in dem riesigen Gebiet erklärt.
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| ein paar der vielen Tausend Olivenbäume |
Zur Bewässerung ein Nachtrag zum Blogeintrag von gestern: wie Albrecht durch seine Internetrecherche herausgefunden hat, sind die Stauseen, die wir besichtig haben, sind nicht eigentliche Stauseen, sondern Rückhaltebecken für Regenwasser, die auch dem Schutz vor Überschwemmungen nach den seltenen aber teilweise sehr ergiebigen Regenfällen auftreten können. Diese Dämme und die Überläufe, die ich beschrieben hatte, wurden teilweise durch europäische Hilfe, namentlich durch Deutsche Unternehmen, im Rahmen der Entwicklungshilfe und des Wassermanagements errichtet. Weitere Informationen hier (auf Deutsch zur Barrage Sidi Saad) und hier (Französisch zur Barrage El Haouareb)
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| Selfiespot ohne Selfie |
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| Eingang in die Medina von Mahdia |
Mahdia ist eine sehr schön gelegene Stadt, deren ältester Teil auf einem Felssporn liegt. Hier legten bereits die Karthager/Phönizier/Punier den sogenannten Punischen Hafen an. Die Stadt wurde im Jahr 921 von einem Fatimiden-Kalifen gegründet und war Hauptstadt von Ifrīqiya (mittelalterliche arabische Bezeichnung für das Gebiet des heutigen Tunesiens). 1087 wurde die Stadt von einer Flotte aus Genua und Pisa angegriffen und im Jahr 1390 war sie Basis des muslimischen Korsaren Dragut, den wir bereits von der Festung in Houmt Souk auf Djerba her kennen, und wurde deshalb Ziel eine Kreuzzuges, während dessen sie erfolglos von einem Heer aus Frankreich und Genua belagert worden ist.
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| in der Medina |
Heute ist die etwa 50’000 Einwohner starke Stadt Hauptort des gleichnamigen Bezirks und verfügt über einen wichtigen Fischereihafen mit der dazugehörigen Verarbeitungsindustrie.
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| Pfefferminztee |
Wir haben die Stadt wegen der hereinbrechenden Dunkelheit und der damit verbundenen Notwendigkeit, einen Schlafplatz zu finden, nicht eingehend besichtigt. Es ist mir aufgefallen, dass es hier sehr schön ist, dass die Häuser und Strassen herausgeputzt sind und dass im Gegensatz zum weniger touristischen Hinterland alles sehr sauber ist. Heute war offensichtlich Markttag, weshalb wir uns mit dem doch relativ voluminösen Land Rover sehr vorsichtig an den im Abbau befindlichen Marktständen entlang pirschen mussten.
Wir stehen jetzt etwa 50 Meter vom Wasser frei hinter einer kleinen Düne, weil der Campingplatz, den wir anvisiert hatten, saisonbedingt gar nicht in Betrieb ist. Draussen chuttet es ordentlich und der Wind ist bitterkalt. Derweil läuft die Standheizung und ich sitze mit warmer Jacke, Pulli und Wollmütze ausgerüstet in der doch recht kalten Kabine und schreibe diese Zeilen. Und das in Afrika!
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