24. November 2025. Sousse - Ksar Lamsa - Makhtar - Elles
Weil wir heute relativ weit fahren und einige Sehenswürdigkeiten anschauen wollten, standen wir bei Zeiten auf und räumten nach dem Morgenkaffee die Wohnung auf, packten unsere sieben Sachen und verabschiedeten uns mit einem herzlichen Dankeschön von Chehida, unserer Gastgeberin für die vergangenen zwei Nächte.
| Ksar Lamsa |
In Sousse kauften wir noch ein paar lebensnotwendige Dinge wie Kaffee, Brot, Yoghurts und in einer Quincaillerie ein paar Gasbomben für den Campinkocher ein.
| Der gutaussehende Schäfer |
Dann ging es auf die Route, die uns gen Westen zu unserer ersten Station, dem Ksar Lemsa, führte. Dies ist ein äusserst gut erhaltene byzantinische Festung, die mit ihren bescheidenen Ausmassen von 30 x 30 Metern einfach so neben dem kleinen Dorf Lamsa liegt. Keine Einzäunung, kein Kassenhäuschen, einfach frei begehbar.
Neben der Festung liegt eine Grundschule, wo Dutzende Kinder um Mittag draussen standen und uns johlend begrüssten. Wir waren wieder in einer touristisch nicht sehr stark frequentierten Region, was man an der überaus freundlichen Art der Begrüssung durch die Menschen merkt. In allen Ortschaften, die wir durchfuhren, winkten uns Kinder und Jugendliche zu, Erwachsene hoben zum Gruss die Hand, was wir natürlich wenn immer möglich mit Freude erwiderten.
| Treppe zum Turm |
| Innenraum der Festung |
Die Festung liegt an einem leichten Abhang und ist erstaunlich gut erhalten. Die Mauer, die am nächsten zur heutigen Siedlung liegt, ist fast ganz eingerissen, wohl um die Steine für den Bau von Häusern zu verwenden. Von der dazu gehörenden römischen Ortschaft Limisa ist nur wenig übrig geblieben oder ausgegraben. Trotz des sehr guten Zustands der Festung scheint diese kaum erforscht und dokumentiert. Sie liegt auch nicht an den Routen der Touristen, was vielleicht mit ein Grund ist, warum man sich bisher nicht gross um sie kümmerte. Vielleicht liegt es auch daran, dass in Tunesien derart viele römische und andere Ruinen vorhanden sind, dass das entsprechende Kulturdepartement schlicht nicht genug Ressourcen hat, um alle zu erforschen und dokumentieren.
Es stehen noch alle Türme der Festung und es scheint, als ob versucht worden ist, einige Mauern zu rekonstruieren. Dies wurde nicht nur fachmännisch gemacht, denn die Steine, die im Innenraum heute aufeinander stehen, können so nicht gedacht gewesen sein. Einige machen selbst für mich als Laien keinen Sinn, denn sie sind offensichtlich für andere Zwecke so behauen. Es kann auch gut sein, dass für den Bau der Festung wie an anderen archäologischen Stätten, die wir besucht haben, Steine von verschiedenen älteren Bauwerken verwendet wurden. Das zeigt sich daran, dass in offensichtlich noch erhaltenen Mauern Steine mit überhaupt nicht passenden Ornamenten eingemauert sind. Auch sind Steine verbaut, die nicht aus der unmittelbaren Gegend stammen können. Diese stechen durch ihre Andersartigkeit sofort ins Auge.
| Eukalyptus |
| ein fremder Stein in der Festungsmauer |
Da neben der Festung Schafe grasten, wollte ichfiese auch fotografieren, was aber ein schnelles Ende nahm. Sobald ich mich auf ein paar Schritte genähert hatte, kamen die Herdenhunde mit Gebell auf mich zugeraunt, worauf ich mich sofort umdrehte und langsam aber bestimmt von den Schafen weg lief. Das war wohl meine Rettung vor dem Zerfleischtwerden. Der Schäfer, den ich zuerst gar nicht bemerkt hatte, rief seine Hunde zurück, worauf diese unmittelbar gehorchten. Das beeindruckte mich sehr. Der junge Mann gestikulierte mir, ich solle stehen bleiben und zu ihm kommen, worauf wir ein paar Worte mit den Händen wechselten, denn er sprach kein Französisch. Mit Gesten fragte ich ihn, ob ich ein Foto von ihm machen dürfe, was er bejahte. Welch stolzen Ausdruck er in seinem Gesicht trägt!
| Brot aus sehr gelbem Mehl, mit Kreuzkümmel gewürzt |
| noch mehr Eukalyptus |
Albrecht und ich verweilten eine ganze Weile in der Festung und erkundeten jede Ecke. Alles war fei zugänglich und es gab auch keinen Schutz vor Abstürzen - ein weiteres Zeichen dafür, dass sehr wenige Touristen in diese Gegend kommen.
| Kreiselkunst wird auch hier gross geschrieben |
| Eukalyptus auch am Strassenrand |
Etwa 50 km südwestlich von Lamsa liegt - ebenfalls im touristischen Niemandsland - ein weiteres archäologisches Kleinod: Makhtar. Diese römische Stadt muss ebenfalls sehr gut erhalten sein und kann mit einem sehr gut erhaltenen Trajansbogen, einer Thermenlandschaft und einem Forum aufwarten. Es gibt auch eine Vandalenkirche und Hildegung, einer der Fürsten, ist hier begraben. Leider konnten wir uns nicht von der Schönheit und dem Zustand dieser Stätte persönlich überzeugen, denn die Anlage ist jeweils montags geschlossen. Das steht auch in der Beschreibung auf Google Maps - wir haben sie erst vor dem geschlossenen Tot gelesen. Dumm gelaufen. Und schade.
| eine weitere römische Ruine - nur die Ecke steht noch (weiss nicht mehr wo) |
Jetzt ging es wieder ins Bergland - aber eine komplett andere Topografie und Flora erwartete uns als wir es aus dem südlichen Teil Tunesiens kannten. Hier wachsen richtige Wälder, die hauptsächlich aus Zedern bestehen. Das saftige Grün, der dichte Stand der Bäume und die gekonnt gewundenen Strassen gefielen uns sehr und wir hatte grosse Freude, bis auf über 1000 müM in tunesisches Hochgebirge zu fahren. Zu unserem Erstaunen war es hier gefühlt weniger kalt als an der Küste wenn Wind bläst. Lider ist es mir nicht wirklich gut gelungen, diese grandiosen Landschaften adäquat mit der Kamera festzuhalten - ich habe mir allerdings auch nicht wirklich die Zeit dafür genommen. Wie bereits früher geschrieben, sind gute Landschaftsaufnahmen oft unmittelbar mit der Suche nach dem besten Standort, idealer Belichtung und vor allem viel Zeit verbunden.
| erste Zedern an der Auffahrt zum Bergland |
| römische Brücke unterwegs |
So schnell wie es hoch gegangen ist, wurden wir auch wieder auf gewundenen Strassen ins flachere Gebiet geführt. Hier, auf 300 bis 500 müM liegt Tunesiens Kornkammer. Schön zu Zeiten der Römer wurde hier Weizen und anderes Getreide angebaut. Die Landschaft ist lieblich, leicht hügelig und durch die gut sichtbaren Grenzen der Felder auf eine sehr schöne Weise unterteilt, was ein wenig wie eine Patchworkdecke aussieht.
| höchster Punkt bisher: 1036 müM |
| Dromedartransport |
Wir wollten auf unserer Fahrt zum nächsten Highlight die kürzeste von Google Maps vorgeschlagene Route nehmen, die auf kleinen Strasse quer durchs Land führte. An einer Stelle wurde die Strasse zur Piste und dann zum mittelschwierigen Trial-Track. Mir schwante Böses, denn so kann eine Durchgangsstrasse nicht aussehen. Die Gewissheit kam, als wir auf eine Betonplatte zu fuhren, wie sie normalerweise zur Überquerung von Wadis, die bei starkem Regenfall zur Furt werden können, verwendet werden. Diese Betonplatte war die letzte, bevor es gut 15 Meter und ei Tiefe ging. Zum Glück haben wir mit genügende Abstand davor angehalten und ich ging die Situation zu Fuss erkunden. Dabei stiess ich an den Rand eines veritablen Canyons, der wohl während einer extremen Wettersituation entstanden ist. Wo früher wahrscheinlich ein harmloser Bachbett-Übergang gewesen war, klaffte jetzt ein tiefer Graben. Die vorderste, noch an ihrem Platz weilenden Betonplatte hing gerade noch auf einem von der Unterspülung sehr klein gewordenen Stückchen Sediment - ich wagte es nicht, auf diese Platte zu treten, denn sie könnte jeden Moment in die Tiefe rutschen. Albrecht mahnte mich, nicht zu nahe zu den Rändern des Abhangs zu gehen, was ich auch beherzigte, wohl aber für seinen Geschmack wohl doch zu weit ging. Ich hatte das vorsichtig positive Gefühl, die Situation einschätzen zu können, denn ich kenne solche Abbrüche und im Zusammenhang mit meinem Fliegengewicht auch deren Stabilität aus den Bergen und von der Fahrt entlang des Flusses Panj in Tadschikista. Ich gehe jeweils etwa halb so weit raus wie ich denke, dass es ganz sicher halten könne, denn ich bin weder schwindelfrei noch lebensmüde.
| Zedernwälder |
Also mussten wir den ausgewaschenen Pfad zurück zur Hauptstrasse nehmen und einen grossen Bogen fahren, denn der angepeilte Ort lag nur drei Kilometer ziemlich genau auf der anderen Seite der Schlucht.
| Da ging's nicht mehr weiter |
Das Ziel war Elles. Dort gibt es ein grosses Gelände mit etwa einem Dutzend Dolmen-«Gräbern» (man weiss ja nicht mit Sicherheit, dass die niedrigen, aus tonnenschweren Blöcken gebauten Konstruktion wirklich als Gäber dienten). Da bereits 16 Uhr war und wir noch keinen Plan hatten, wo wie schlafen wollten, beliessen wir es bei der Besichtigung des in einer Anlage am Rand des Dorfs präsentierten Dolmen und erkundeten nicht das etwa 50 Hektar grosse Gebiet mit den anderen mehr oder weniger gut erhaltenen Anlagen. Dieser Dolmen im Dorf ist sehr gut erhalten und exemplarisch für die anderen, welche alle nach dem gleichen Schema aufgebaut sind. Ein ungedeckter Gang aus senkrecht stehenden Steinblöcken führt zum aus jeweils sieben Räumen bestehenden grossen Hauptteil. Man weiss nicht viel mehr über diese Anlagen, die wohl über einen grösseren Zeitraum in immer gleicher Anordnung errichtet wurden.
| der ausgewaschene Canyon |
Leider konnten wir die kurze Erklärung auf einer der Tafeln am museumspädagogischen Gebäude nicht lesen, da ausser der Versoion auf arabisch alle vollkommen verblichen und dadurch unleserlich geworden sind. Wenn ich eine funktionierende Internetverbindung hätte könnte ich versuchen, die fotografisch festgehaltene arabische Erklärung übersetzen zu lassen. Leider geht das gerade nicht.
| Auf der Piste - Rauch im Gegenlicht |
| Albrecht ratlos |
Die Sonne stand schon knapp über dem Horizont, als wir uns auf meinen Vorschlag nicht in eine etwa 60 km entfernte Stadt zum Schlafen begaben (wir hätten die Strecke in der Dunkelheit zurücklegen und dort einen Stellplatz für den Land Rover suchen müssen, was suboptimal ist), sondern auf der Piste Richtung der eingestürzten Betonplatte fuhren, wo ich eine gute Stelle für freies Stehen in der Pampa vermutete. Der Weg dorthin war noch viel schlechter als er auf der anderen Seite gewesen ist und Albrecht konnte seine Offroad-Fahrkünste unter Beweis stellen. Die abschüssige Piste war durch das Wasser intensiver Regengüsse sehr stark ausgewaschen, so dass tiefe Längsgräben entstanden waren, die ein Befahren selbst mit dem sehr geländegängigen Landi fast unmöglich machten. Wir mussten teilweise über recht hohe «Wülste» auf ein Feld ausweichen. Ich hoffte inständig, dass uns kein Bauer sah, denn wir durchpflügten den Rand eines offensichtlich erst kürzlich bestellten und für die Aussat vorbereiteten Ackers.
| Dolmen in Elles |
Wie vermutet fanden wir in einer Senke neben der Trasse zum Canyon in einem Olivenhain einen idealen Standort für die Nacht. Als wir uns nach einem Feierabenddrink (Bier für Albrecht, Cola für mich) ans Kochen des Abendessens machen wollten, kam ein junger Mann auf einem Moped daher und hielt an. Ich hatte schon Angst, er wolle uns davon jagen, weil wir in seinem Olivenhain standen. Aber er wollte uns nur ermahnen, kein Feuer zu machen, was wir mit Sicherheit verneinten, denn wir kochen auf unserem Campingkocher.
Als die Penne mit Tomaten-Thon-Sauce fertig waren, kam Ahmed - so heisst der Junge Mann - genau zu blödesten Zeitpunkt wieder und versuchte, mir mit dem Handy in der Hand etwas klar zu machen. Ich verstand kein Arabisch, er keine meiner Sprachen. Er sagte etwas von Gmail und Google und ich meinte, er wolle meine Emailadresse oder Telefonnummer. Wir versuchten, uns mit einem Online-Übersetzer zu verständigen, aber er konnte wohl kaum schreiben. Irgendwann rief er einen Freund an, der seine Freundin oder Frau ans Telefon holte, welche versuchte, Ahmeds Anliegen zu übersetzen. Aber sie verstand anfänglich auch nicht, was Ahmed wollte und so fragten, diskutierten und berieten wir zwischen Französisch und Arabisch hin und her, während mein Essen kalt wurde. Albrecht daneben wurde ganz ungeduldig, denn er begriff auch nicht, was Ahmed wollte. Nach längerem Versuchen stellte sich heraus, dass er einen eigenen Google-Account wollte, damit er seinen eigenen Facebook- und Youtubeaccount haben kann. Leider gelang das Ansinnen am Ende wegen inkonsistenter Internetverbindung hier in der Pampa. In der Zwischenzeit sind noch zwei Freunde Ahmeds dazu gekommen. Sie haben uns Orangen, ein kleines Bier, Kekse und Waffeln mitgebracht.
Irgendwann verabschiedete sich Ahmed und wünschte eine gute Nacht und Albrecht und ich sassen uns wundernd und auch ziemlich belustigt in den Campingsesseln. Das war ein seltsames aber auch sehr herziges Erlebnis am Rand der Welt.
Als ich nach dem Abendessen in den Himmel schaute, staunte ich nicht schlecht. So dunkel war es auf unserer gesamten Reise noch nie gewesen und wir sahen so viele Sterne wie noch nie bisher in Tunesien. Also packte ich das Fischauge-Objektiv aus, entfaltete das Reisestativ und schoss ein paar Aufnahmen des Sternenhimmels, die mit recht gut gelungen sind. Wenn ich mich etwas genauer mit der Aufnahmetechnik beschäftigt hätte, wären die Aufnahmen wohl noch viel besser geworden. Aber es zogen eh Wolken auf, was bekanntermassen für Sternenfotos ziemlich ungünstig ist.
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