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Donnerstag, 27. November 2025

26. November 2025. Bulla Regia - Nabeul 


Die Ausgrabungsstätte Bulla Regia, die wir heute früh gleich nach dem Frühstück besuchen konnten, weil wir auf dem Parkplatz des Besucherzentrums kampieren durften, ist der absolute Oberhammer!

Atrium der grossen Villa der Jäger


Zu meinem begeisterten Urteil hat bestimmt unsere Führerin, Frau Amel Ayadi beigetragen, die uns, weil wir eine japanische Touristin mit in unserer Dreiergruppe hatten, in perfektem Englisch zu den wichtigsten und schönsten Orten in der ganz besonderen ehemaligen römischen Stadt Bulla Regia geführt hat. 

Frau Ayadi mit ihrem Sohn


Neben der ausgezeichneten Führung hat diese Ausgrabungsstätte aussergewöhnliche Qualitäten, nicht nur was die gezeigten Gebäude mit ihren Verzierungen und den noch sehr gut sichtbaren architektonischen und technischen Besonderheiten angeht, sondern weil sie extrem gut erhalten ist.

Gewölbe in den Thermen - dreifach-Kapitell




Doch alles der Reihe nach.

zentraler Raum im Untergeschoss der Villa der Venus


Wegen mehrerer ergiebiger Quellen bestand an der Stelle der späteren Römerstadt bereits in vorgeschichtlicher Zeit eine Siedlung, die von den Bewohnern des Maghreb, den Berbern gegründet worden war. Dieses Volk lebte nicht in aufgebauten Häusern, sondern in Erdwohnungen, wie ich sie bereits beim Besuch von Matmata und bei der Überquerung des Dahar-Gebirges im Südosten zwischen der Insel Djerba und dem Grossen Erg, dem tunesischen Teil der Sahara, beschrieben hatte. Zum Schutz vor Gefahren und wegen der extremen Temperaturen war diese Behausungsform ideal.

eine der Quellen mit französischer Fassung


Als die Karthager bei der Erschliessung des tunesischen Festlands nach Bulla kamen (der zweite Namensteil «Regia» kam erst mit den Römern hinzu), schlossen sich die Berber diesen an und tauschten wohl Wissen und Bräuche aus. Es entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit und Verschmelzung.

Strassen in Bulla Regia




Etwas zur Entwirrung der verschiedenen Begrifflichkeiten: Karthago war eine Gründung der Phönizier, die aus dem dem Grossraum des heutigen Palästina kamen. Aus «Phönizier» machten die Römer «Punier». Die Begriffe Karthager, Punier und Phönizier werden synonym verwendet.


Mosaik-Inschrift auf Altgriechisch, sinngemäss: «mach etwas aus deinem Leben»






Der andere grosse Machtfaktor in Nordafrika waren die Numider, deren König Massinissa sich aus familiären Gründen von den Verbündeten Puniern vor dem dritten Punischen Krieg abgewandt und mit den Römern gegen diese gekämpft hatte. Als die Römer auch den dritten Krieg gegen die Punier gewonnen hatten, ging die Siedlung Bulla unter Caesar ins Römische Reich auf und wurde in die Provinz Africa nova (später Africa proconsularis) integriert. Weil sie Sitz des numerischen Königs war, wurde ihr der Beiname «Regia», die königliche, verliehen. Zuerst war sie eine freie Stadt (oppidum liberum), im 1. Jahrhundert wurde ihr der Titel municipium (zweithöchster Status einer Stadt im Römischen Reich) verliehen und unter Kaiser Hadrian (76-138 n.Chr.) wurde sie zur colonia (höchster Status einer Stadt).


Die ursprünglichen Berber-Punier-Numiden-Bewohner der Siedlung arbeiteten nun mit den Römern zusammen und es entstand die Stadt, der man bis heute die Verschmelzung der unterschiedlichen Lebensweisen und Architekturen ansieht. Das Besondere und meines laienhaften Wissens Einzigartige an den heute sichtbaren Ruinen ist, dass die römischen Häuser bis zu vier Stockwerke hatten - zwei unter und bis zu zwei über der Erde. 


Das erste Untergeschoss beherbergte die Schlaf- und Essräume für die Herrschaften, da diese in den heissen Sommermonaten kühl und im Winter windgeschützt und vergleichsweise warm waren. Dazu kam ein Atrium mit einem Brunnen.

Atrium im UG von oben

Treppe zum UG

Atrium

Schlafzimmer in der Villa der Venus

Boden des Schlafzimmers


Darunter, im zweiten Untergeschoss befanden sich Zisternen (Wasserspeicher) und Vorratsräume. Diese sind (noch) nicht zugänglich


Im Erdgeschoss waren Küche, Bad und Toiletten sowie allfällige Stallungen und Sklavenunterkünfte untergebracht. In den ganz grossen Villen gab es scheinbar sogar ein Obergeschoss. Was sich darin befand weiss ich nicht…es könnten weitere Sklavenzimmer oder Arbeitszimmer gewesen sein.

Badewanne

Toilette

Doppeltoilettensitz - 

Grossküche


Die Römer brachten ihr Wissen über Heizungen (Stichwort Hypocaust, kennt man aus der Primarschule und Augusta Raurica) mit, die hier vor allem dazu verwendet wurden, die Thermen zu heizen.

Heizraum des Hypocautum

Heizraum

Heizraum unter den Thermen



Eine architektonische Verschmelzung fand in der Bauweise von Tür- und Toröffnungen statt. Die wohl aus der Monolith-Architektur übernommenen Türstürze aus massiven Querbalken der Berber finden sich neben römischen Bogen-Stürzen - teilweise finden sich auch Kombinationen beider unterschiedlichen Lösungen.

Beispiel für eine Kombination von monolithischem und römischem Türsturz links im Bild


Bulla Regia lag an der Achse Karthago (beim heutigen Tunis) - Caesarea Mauretaniae (heute Cherchell in Algerien) und war schon zu punischer Zeit eine wichtiger Handels- und Rast-Ort. Man könnte sicher auch Karawanserei sagen.

Übersicht über ein Villenviertel


Wegen des namhaften Durchgangsverkehrs und den Bedürfnissen der Reisenden waren die Bäderanlagen in Bulla Regia besonders markant ausgebaut. Das zeigt sich im sehr gut erhaltenen grossen Bad, das über heisse und kalte Bäder, jeweils für Frauen und Männer, über grosse Umkleiden, ein riesiges Gymnasium («Fitnessstudio») sowie eine ausgezeichnete Bibliothek verfügte.

Thermen: Umkleideraum

Thermen: Fitnessraum

Thermen: Boden des Baderaums 

Thermen: Mörtelisolation und Marmorverkleidung 

Thermen: Blei-Wasserleitung


Die Lage der Stadt, am Fuss eines bewaldeten Höhenzugs mit Kalksteinbruch und reicher Tierwelt (Löwen, Panther, Wildsschweine, Antilopen, Hirsche, Hasen, Bären, etc.) sowie mit Blick auf eine fruchtbare Ebene, auf der Getreide, Gemüse, Oliven- und Obstbäume angepflanzt wurden, verwöhnt mit einigen ergiebigen Quellen und erschlossen durch ein perfektes Straßennetz, war perfekt für eine lange und rosige Blütezeit.

Mosaik in der Villa des Jägers: Hase

Antilope

Jagdhund?


Wildschwein

Hirsch

Löwe

Jagdszene


Vom Reichtum der Stadt mit geschätzten 5000 Einwohnern zeugen sehr gösse Villen ein grosszügig dimensioniertes Forum mit Kapitol, Markthalle und Gerichtsgebäude sowie einem grossen Theater für 3500 Zuschauer und einem kleineren.

Theater für 3500 Zuschauer

Mosaik eines Bären mitten im Theater

Die oberen Ränge waren mit einer Holzkonstruktion bestuhlt und überdacht




Nach den Römern kamen die Vandalen. Die Oströmer (Byzantinisches Reich), die die Vandalen schlugen, brachten das Christentum in die Gegend und nutzten auch Bulla Regia. 

Herrscherstatue. Sie ist nicht etwa kopflos, weil der Kopf abhanden gekommen wäre, sondern weil er im Museum Bardo steht. Die Köpfe waren auswechselbar, weil die Herrscher rasch gewechselt haben und eine ganze Staue aus Carrara-Marmor teuer war. Man hat nur jeweils den Kopf neu gemacht


Die Araber entdeckten die Stadt neu und benutzten sie auf ihrem Weg durch Nordafrika und nach und von Andalusien.




Der ausserordentlich gute Zustand der ausgegrabenen Reste dieser Stadt sind dem Umstand zu verdanken, dass sie etwa ab dem 12. Jahrhundert verlassen wurde und vergessen ging. Die Gebäude wurden von Menschen weiter bewohnt, stürzten teilweise ein und es bildete sich aus Zivilisationsabfall, Überwuchs und Trümmern ein Hügel, in dem erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts von den Franzosen die alte römische Stadt entdeckt wurde. Einzig der grosse Bogen des Bads, der heute noch prominent nahe der Strasse steht, war stehen geblieben.

der grosse Bogen ist immer stehengeblieben


Den Menschen, die dort wohnten, wurde ein neues Gelände (heute Ain Babouch) in Sichtweite zugewiesen und sie durften bei den ersten Ausgrabungen mithelfen (oder wurden dazu gezwungen?).

ein privates Bad



So finden sich nicht nur sehr gut erhaltene Mosaike, sondern auch grossartige Details wie teilweise erhaltene Isolationen und Verkleidungen von Wänden sowie Statuen und Inschriften. Viele der wichtigsten Artefakte sind heute im Barde-Museum in Tunesien zu sehen - trotzdem (oder vielleicht wegen der schier unendlich grossen Anzahl römischer Kostbarkeiten, die kein Museum fassen kann) sind noch viele wertvolle und sehr anschauliche Objekte in situ.

Markt mit 6 kleinen Läden rechts


Forum

Kapitol


Die Ausdehnung der Stadt wird auf 150 Hektaren (1,5 km2) geschätzt - bisher sind nur rund 25% davon ausgegraben. Die Stätte ist nicht im Register der UNO verzeichnet, weshalb die Ausgrabungen sehr langsam und schleppend voran gehen und nicht sicher ist, ob in absehbarer Zeit massgeblich vorwärts gemacht werden kann. Der tunesische Staat ist nicht in der glücklichen Lage, sein Altertums-Departement üppig zu finanzieren. Immerhin wird dem Schutz des gesamten Gebiets viel Aufmerksamkeit zuteil: es sind viele Überwachungskamers aufgestellt und ein Mitarbeiter, der auch die Tickets verkauft, sitzt den ganzen Tag vor einem riesigen Monitor mit unzähligen Video-Clustern.







Ich bin tief beeindruckt und würde die ganze Führung von Amel am liebsten noch einmal hören. Zusammen mit der Stadt Dougga hat mich diese Stätte einmal mehr wünschen lassen, ein Gerätchen in der Hand halten zu können, das mich beim Drücken auf einen roten Knopf 2000 Jahre zurück versetzt und (ohne selber wahrgenommen zu werden) die Situation und das Leben vor Ort zu dieser Zeit erleben lässt.


Natürlich habe ich viele Fotos gemacht - viel mehr als ich hier zeigen kann - und ich könnte noch vieles schreiben - aber alles hat ein Ende (nur die Wurst hat zwei).





Unser Ende in Bulla Regia kam in Form des Nationalen Sicherheitsdiensts in einem weissen Pickup, der uns bereits auf dem Parkplatz registriert hatte und bei der Abfahrt bereits bereit stand, uns bis an die Verwaltungsbezirksgrenze zu eskortieren. Damit soll - soviel ich vermute - vor allem verhindert werden, dass sich selbst fahrende Touristen in Richtung der algerischen Grenze bewegen und sich dort in Gefahr bringen. Das Schweizer Auswärtige Amt - ebenso wie die meisten anderen europäischen Nationen - waren eindrücklich davor, den äussersten Westen Tunesiens sowie die Umgebung der Stadt Kasserine zu bereisen. Wir hatten also rund 25 km weit einen weissen Verfolger an unseren Fersen, die uns etwas weiter folgten, weil wir nicht auf die Autobahn fuhren, sondern auf der Überlandstrasse Richtung Osten tuckerten.


Der weitere Weg führte uns einmal mehr durch atemberaubende Landschaften, diesmal inklusive dramatischer Wolkenbilder, starker prrräfrrontaaler Windzunaahme und ein wenig Regen. Auch heute fuhren wird durch fruchtbares Gebiet, das hauptsächlich aus frisch bestellten und angesagten Feldern bestand. Oft hatte es auch wieder Olivenhaine, aber längst nicht so viele wie entlang der Ostküste und weiter südlich im Hinterland. Dattelpalmen-Plantagen fehlen hier gänzlich. Dafür gibt es Chili-, Zwiebel-, Knoblauch-, Fenchel- und viele andere Felder sowie Obstbaumplantagen (Mandarinen und Grantapafel habe ich oft gesehen.




Wegen starken Winds und schwachen Regens haben wir eine weitere römische Ruinenstadt (Thuburbo Majus) ausgelassen, ebenso wie den Wassertempel bei Zaghouan.


Dafür sahen wir einen sehr kurzen aber beständigen Regenbogen, einen grossen Stausee, markante Berge und viele andere spannende, lustige und schöne Dinge.




Wir sind heute Nacht wieder auf dem Campingplatz les Jasmins in Nabeul neben Hammamet, auf dem wir unsere Tunesienreise begonnen haben. Von hier aus werden wir den Nordosten inkl. Karthago und Tunis erkunden, bevor wir Samstagnacht auf die Fähre Richtung Sizilien gehen werden.







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