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Donnerstag, 27. November 2025

27. November 2025. Nabeul - Karthago Hafen - Sidi Bou Said - Nabeul 


Der Hafen von Karthago war heute das erste Ziel unserer Expedition von Nabeul aus.

Bild von schule.zdf.de



Dieser sagenumwobene Hafen mit seinen zwei Becken, der die Stärke und Wichtigkeit der im 9. Jahrhundert v.Chr. von Phöniziern aus Tyrus (heutiges Sour im Libanon) gegründet Stadt Karthago repräsentierte, ist heute in seinen Umrissen noch zu sehen. Die Stadt war wahrscheinlich aus strategischen Überlegungen genau an diesem Ort, an der Meerenge zwischen Sizilien und der Notsitze des heutigen Tunesiens, gegründet worden, denn von ihr aus liessen sich die Handelsrouten sowohl zwischen dem phönizischen Mutterland und dem Atlantik  als auch zwischen Italien und Nordafrika bestens kontrollieren.


Wahrscheinlich Punischer Hafen mit Werft für die Trieren oder so.


Wahrscheinlich römisch ausgebaute Insel im Hafen mit Tempel oderso
 


Der Kothon, wie die Phönizier/Punier/Karthager ihre in den Fels gegrabenen Hafenanlagen nannten, bestand aus einem rechteckigen Becken, das durch eine schmale Verbindung zum Meer erreicht werden konnte. In diesem rechteckigen Becken landeten Handelsschiffe an. Vom Handelshafen gab es wieder einen kurzen, schmalen Kanal, der in den kreisrunden Kriegshafen mündete. Darin war eine künstliche Insel angelegt, auf der wahrscheinlich die Admiralität ihren Sitz hatte und wo Schiffe gebaut und repariert werden konnten. Im Kriegshafen hatte es Platz für 200-300 der damals besten Kriegsschiffe im Mittelmeer, den Trieren. Diese von einem verhältnismässig kleinen Segel und drei übereinander angeordneten Ruder-Reihen angegtriebenen Schiffe ermöglichten es den Karthagern, den Schiffsverkehr im Mittelmeer zu kontrollieren.

motivationslos herumstehende Steine, vielleicht ein ehemaliger Tempel?

ursprüngliche Hafeneinfahrt in den Kothon im Süden

eine Slipanlage für Trieren? man weiss es nicht.

neue Einfahrt in de Kothon für die Fischerboote

Obwohl der Hafen heute noch in seinen Umrissen erkennbar ist und auch ein paar Strukturen ausgegraben worden sind, gibt ein Besuch des Ortes nicht viel her. Museumspädagogisch ist es eine mittlere Katastrophe, dass aus diesem geschichtlich und strategisch wichtigen Ort nichts gemacht wird. Es wäre so einfach und wahrscheinlich auch nicht sehr teuer, hier neben den zwei schönen Modellen auch wenigstens einen Teil der ehemaligen Konstruktionen im Hafen umrissmäsmig zu rekonstruieren und ein bisschen Informationsmaterial zur Verfügung zu stellen, wie es an den Ausgrabungsstätten in Form von Info-Tafeln gemacht wird.

Ein Kurzfilm auf schule.zdf.de zeigt etwas Bildmaterial.

lieblos und umkommentierte Fundstücke von irgendwoher


Karthago (der Name bedeutet in der Sprache der Phönizier «neue Stadt») war zunächst von Tyrus abhängig und musste Tribut zahlen. Als im Jahr 539 v.Ch. das phönizische Mutterland vom Achämidenreich, dem ersten persischen Reich, erobert worden war, löste sich Karthago vom phönizischen Reich und wurde vollkommen unabhängig. Das äusserte sich z.B. darin, dass 508 v.Chr. ein Freundschaftsvertrag mit dem römischen Reich geschlossen wurde, der die Einflussbereiche klar regelte. Das war der erste karthagisch-römische-Vertrag.


Durch den Aufschwung des Seehandels wurde Karthago ab dem 4. Jahrhundert v.Chr. die reichste Stadt im Mittelmeerraum. Die «punischen Kriege», die Rom mit Karthago führte schwächten die Stadt aber zunehmend bis am Ende des dritten punischen Kriegs im Jahr 146 v.Chr. die Stadt nach dreijähriger Belagerung von den Römern erobert und komplett zerstört wurde. Diese Eroberung gelang durch eine List: die Römer versperrten den Zugang zum Handels- und somit auch zum Kriegshafen mit dem Bau einer unterseeischen Barrikade. Zwar gruben die Punier einen Zugang zum Kriegshafen, um ihre Schiffe weiterhin nutzen zu können, die Römer stürmten diesen Hafen aber und beendeten den Krieg damit.


Ceterum censeo Carthaginem esse delendam (Im Übrigen denke ich, dass Karthago zerstört werden muss»), die berühmte Forderung Feldherrn und Staatsmanns Cato dem Älteren, beschreibt, warum nach der Brandschatzung direkt nach der Eroberung auch alle Bauwerke bis auf die Grundmauern zerstört wurden. Jegliche Erinnerung an Karthago sollte ausgelöscht werden. Als sich Gaius Julius Caesar nach seinem Sieg über Pompeius im Jahr 46 v.Chr. entschloss, an der Stalle Karthagos eine neue Stadt aufzubauen, wurde sogar der Bursa-Hügel, das Zentrum des alten Karthago, abgetragen und die letzten Überbleibsel der punischen Präsenz unwiederbringlich zerstört. Ab nun hiess die Stadt Colonia Julia Concordia Carthago und entwickelte sich zur wichtigsten und reichsten Stadt auf dem afrikanischen Kontinent. Hier residierte der römische Statthalter der Provinz Africa. Das war einer der prestigeträchtigste Posten im römischen Reich. Im 2. Jahrhundert n.Chr. war Karthago mit seinen über 300’000 Einwohnern die viertgrösste Stadt im römischen Reich. Die Kolonie Africa war der wichtigste Getreidelieferant für das römische Reich.


Unter den Christen war Karthago der wichtigste Bischofssitz in Afrika und florierte bis zur Eroberung durch die Vandalen im Jahr 439. Geiserich, der Rex der Vandalen zerstörte die Stadt aber nicht, sondern nutzte die reiche Gegend zur Versorgung seiner Soldaten und machte Karthago zur Hauptstadt des Vandalenreichs. 533 nahmen oströmische Truppen aus Byzanz Karthagoo ein und installierten einen Statthalter. Die Stadt verlor ihre wichtige Stellung, wurde aber renoviert und ausgebaut.


Ab 647 drangen die Araber nach Nordafrika und konnten im Jahr 698 auch das befestigte Karthago einnehmen. Sie machten Kairouan zur Hauptstadt ihres Reichs Ifrīqiya und Karthago diente ab da vor allem als Steinbruch für den Bau der Städte Tunis, Kairouan, Sousse. 

Ozeanografisches Museum


Neben dem Hafen besuchten wir auch das Ozeanografische Museum Dar El Hout. Dort wird viel über das Meer seine Lebewesen, die Nutzung des Menschen und die Seefahrt erzählt. Es ist ein einfaches, altmodisches Museum, in dem die Exponate zerfallen, die in Formaldehyd eingelegten Fische und anderen Lebewesen vor sich hin rotten und die lebenden Fische in den schlecht gepflegten Aquarien wohl regelmässig verenden und ausgetauscht werden müssen. Trotzdem habe ich ein paar neue Dinge über die Fischerei gelernt.



Mich wundert es, dass der tunesische Staat an einem so prominenten Ort, der wohl von vielen wissbegierigen Touristen besucht wird, das Museum nicht einfach ersatzlos schliesst oder es einer Erneuerung und Modernisierung unterzieht. So wie es ist macht es allenfalls einen schlechten Eindruck. Drinnen darf man keine Fotos machen, wohl um nicht zu zeigen, wie übel es ist. Ich habe trotzdem zwei gemacht.

Vielleicht ein Berberlöwe? Man weiss es nicht genau.
Der Taxidermist hat ihn leidend präpariert, wohl weil er wusste, wo das Exponat einmal stehen wird.


Im Gegensatz zu den beiden eher wenig gepflegten Orten war der dritte Ort, das Dorf Sidi Bou Said, in exzellentem Zustand. Dieses blau-weisse Kleinod, das hier als eine der schönsten Städte der Welt bezeichnet wird, erinnert ein wenig an das griechische Santorini und zieht Massen von Touristen an. Hier steht ein Souvenirladen neben dem anderen und Restaurants gibt es sehr viele. Viele einheimische Touristen besuchen diesen Ort ebenso wie solche aus Fernost, Busladungen von Pauschaltouristen aus den Hotelburgen an der Ostküste oder die Schönen und Reichen, die mit ihren Limousinen direkt vor die prunkvollen Hotels fahren dürfen. Wir parkten auf dem 2 Dinar-pro-Stunde-Parkplatz für Normalsterbliche und machten einen kurzen Spaziergang durch die von Touristen und Tand überladenen engen Gassen. Ich schoss ein paar Fotos, die aber im Internet in viel besseres Qualität Zuhause zu finden sind. Und wir assen ein Irakisches Sandwich.


Ich mag mir gar nicht vorstellen, was dieser Herr denkt wenn er auf uns Touristen herab schaut.




Wir beendeten den Tag mit einer kleinen Odyssee, indem wir anstatt den kurzen und schnellen Weg über die Autobahn A1, den «Trans African Highway Number One» zu nehmen, einen Weg auf Landstrassen wählten. Der Feierabendverkehr, die unzähligen Kreisel, gefühlt Millionen von geschwindigkeitsreduzierenden Rampen und die längere Strecke führten dazu, dass wir fast dreimal so lange brauchten, um zum Campingplatz in Nabeul zurück zu fahren.

Mandarinenbäume als Stadtbepflanzung - grossartig!






Die grossartige Gastfreundschaft und Freundlichkeit sowie die Biere im Restaurant beim Camping entschädigten und verwöhnten uns zum Abschluss des Tages.

Screenshot von der Hinreise

Bild von Wikipedia


Kreiselkunst mit Humor

«ja, ja, geht ihr nur in Ozeanografische Museum!»

Brücke über den Kanal zum stillgelegten Stadthafen

Der geneigte Leser (damit sind weibliche Leserinnen oder jene, die sich so fühlen ausdrücklich auch gemeint) merkt, dass ich von den heute besuchten Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt etwas enttäuscht bin. Offensichtlich erwartete ich von vermeintlichen Highlights zu viel. Da gefallen mir die atemberaubenden Landschaften oder unerwartet hinreissende Ausgrabungsstätten um einiges besser - vielleicht entspreche ich auch schlicht nicht dem Durchschnittstouristen. Schönheit liegt im Auge der Betrachterin (hier ist ausdrücklich das biologische oder psychische männliche Geschlecht auch gemeint).




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