Das Aufstehen und Frühstücken - bei mir wie üblich mit einem Kaffe (oder noch lieber mit einem Tee mit Milch und viel Zucker) und einer Zigarette erledigt - ging heute speditiv vor sich, denn wir mussten die paar Camping-Accessoires noch zusammenpacken und im Land Rover verstauen, den Abfall entsorgen und die Zähne putzen, bevor wir um halb neun Uhr von Haitham abgeholt wurden für unsere kleine Wüstentour.
Und der Camping musste noch bezahlt werden, wobei wir angeben mussten, wohin wir weiterreisen. Da eine Tour in die Wüste einer strikten Kontrolle unterliegt und eine Genehmigung der Behörden notwendig ist, gab ich an, dass wir mit Haitham unterwegs sein werden. Er hat die Genehmigung eingeholt, resp. uns angemeldet. Sophie, die sehr sympathische Besitzerin des Campingplatzes, nahm diese Info entgegen und wusste, dass wir in guten Händen waren.
Die kurze Verabschiedung nach mehreren Nächten und ein herzliches Dankeschön für die Gastfreundschaft, die vielen hilfreichen Infos und die Kulanz, uns nach dem Werkstattaufenthalt ohne grosse Administration wieder aufzunehmen, wurde dankbar entgegengenommen.
Auch von anderen Gästen auf dem Camping, mit denen wir Kontakt hatten und die uns zum Teil sehr gute Infos und Tipps gegeben hatten, verabschiedeten wir uns kurz aber herzlich.
Irgendwie scheinen wir beiden alten Männer auf viele Menschen einen positiven und hoffentlich auch bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Pünktlich um halb neun Uhr kreuzte Haitham mit seinem Toyota 4x4 auf und wir fuhren los.
Erste Station war eine Tankstelle, die jedoch bereits mit etwa 10 Motorrädern und einigen Autos belegt war. Unser Guide besorgte uns trotzdem ohne Wartezeit einen Platz an einer Tanksäule und kurze Zeit später waren wir um 40 Liter Diesel reicher und um 24 Franken leichter. Ja, hier ist der Treibstoff so günstig, dass man sich als preisbewusster Verkehrsteilnehmer mit einem verbrennungsmotorangetriebenen Fortbewegungsmittel echt überlegen muss, den Wohnort zu wechseln.
Ein nächster Halt galt dem Wasser, das wir zur Verhinderung des Verdurstungstods in der Trockenen Sahara bunkern mussten. Auch das war schnell erledigt.
Also ging es los Richtung sandige Weiten.
| Das erste Foto, nachdem ich endlich eine Speicherkarte in der Kamera hatte |
Den allerersten Abschnitt des Ausflugs kannten wir bereits, denn er führte am Café de la Porte du Désert (hat die Wüste ein Egü?) vorbei, wo wir an unseren ersten Tag in Douz uns erfrischten, nachdem ich die vielen Fotos von den Rallye-Fahrzeugen gemacht hatte. Wir befuhren die Piste, auf der der Gleitschirmpilot Dan mit seinem Tandem-Gast aus Florida gelandet war und wieder zu starten versucht hatte. Fotos davon sieht man im Bericht vom 4. November.
| Erste kleine Dünen liegen auf dem Weg |
Wir fuhren auf einer Piste, die einmal eine wohl französische Strasse gewesen war, bevor sie kläglich vernachlässigt wurde und buchstäblich ein ihre Bestandteile zerbrochen ist. Auf dieser Piste sind mit grosser Sicherheit die Fremdenlegionäre aus der Gegend um Kebili, wo sie stationiert waren, in den Algerienkrieg gefahren - oder auf ihrem Rückzug von selbigem zurück gekommen. Heute ist vor allem das steinige Fundament dieser Strasse noch als grausam holprige Pistenbeschaffenheit übrig - als ob uns die Franzosen bis heute an ihrer Niederlage im Krieg mitleiden lassen würden. An vielen Stellen ist die «Strasse» zum Glück von Sand bedeckt, den der Wind (aus Algerien kommend?) darauf geweht hat. Das Fahren auf dieser Piste hat mich stellenweise sehr an die Strassen in Kasachstan und Tadschikistan erinnert, die ich 2019 erleiden durfte.
| Schier endlose Weiten entlang des Nationalparkzauns |
Haitham fuhr eine sehr gute Spur und wir folgten ihm wie die Skischüler dem Skilehrer. So hatten wir Gewissheit, dass uns nur selten eines der besonders tiefen Schlaglöcher erwischte.
Ich weiss nicht mehr, wie lange wir diesen Schüttelexpress erdulden mussten - es war jedenfalls eine Erlösung, als der Sand Überhand nahm. Sofort wurden das ruppige Fahrgefühl und das scheppernde, laute -geräusch mindestens für ein paar Kilometer von fast schon gespenstisch ruhigem Ton und sanftem Abholen der Reifen verdrängt. Statt wie vorher über spitzen Schotter zu rattern schwammen wir nun im und auf dem Sand.
| Tiertränke an einer Wasserstelle (Pumpstation) |
Das war natürlich noch nicht der «richtige» Sand wie er auf Dünen und in der Weite der Wüste anzutreffen sein wird, sondern Flugsand auf Schotterpiste. Manchmal waren Dünen über die Piste gewachsen, quer zur Fahrtrichtung, so dass es immer wieder eine kleine Berg und Tal Fahrt absetzte. Diese Mini-Dünen waren maximal einen halben Meter hoch und zwangen uns zur Reduktion des Tempos. Während es auf Schotterpisten oft sinnvoll ist, mäglichst schnell zu fahren, um wie bei den Wellblech-Pisten im Grunde über die Steine zu fliegen, muss zur Schonung der Federung auf den «Hubeln» der mit Dünen überzogenen Piste das Tempo entsprechend angepasst werden.
| Eine Gegend, wo es viele Büsche hat |
Schotter und Sand wechselten sich auf Dutzenden von Kilometern ab, derweil sich die Landschaft konstant änderte. Mal hatte es Büsche, mal war es flach. Dann befanden wir uns plötzlich in einem Meer aus Mini-Dünen, später war der Untergrund feinkörnig und fest. Eigentlich erinnerten mich sowohl der Wechsel des Landschaftsbilds als auch die Landschaft an sich sehr an jene, die ich in den Weiten der kasachischen Steppe/Wüste zwischen Aqtöbe und Shimkent (da liegen Aralsee und Baikonur, um eine Orientierungshilfe zu geben) erleben durfte.
| Reisegruppe - an den Fähnchen werden Fahrzeuge zwischen den Dünen erkannt |
Nach etwa 60 bis 70 km liess uns Haitham stoppen, denn er wollte, dass an den Reifen unseres Landy der Reifendruck verringert wurde, wie das im Sand üblich ist. Dadurch wird die Auflagefläche der Reifen massgeblich vergrössert, was sich in deutlich verbessertem Fahrverhalten und viel geringerem Verbrauch an Treibstoff äussert. Hätte wir das selber gemacht, so wären wir mit einem Messgerät vor den Reifen gestanden und hätten mit einem spitzen Gegenstand «getüftelt» - Haitham kam it einem kleinen Tool aus Messing an, mit dem er den Ventlizapfen herausschraubte und die Luft in viel grösserer Menge direkt durch das nun vollkommen offene Ventil austreten liess. Wir hätten wohl jede Minuten mit einem Reifendruckmessgerät den minimal abgenommenen Druck gemessen um danach weiter zu lüfteln - Haitham bestimmte den Reifendruck optisch und haptisch: er liess so viel Luft ab, bis der Reifen die gewünschte, an der Auflagefläche ausgebeulte Form hatte und drückte dazu noch mit dem Daumen auf den Reifen, bis ihm die Härte, resp. Weichheit gefiel. Natürlich hatten so alle vier Reifen einen unterschiedlichen Druck, aber das kümmert den Sand wenig. Er liess so viel ab, dass sowohl auf Sand wie auf Piste weder Reifen noch Felgen Schaden nehmen würden, denn es sollten nichtig letzten steinigen Pistenabschnitte gewesen sein, die wir gerade hinter uns gelassen hatten.
| herausgeschraubtes Ventil |
Sofort wurde Fahrgefühl auf beiden Untergründen deutlich anders. Auf Schotter wurde es ruhiger und leiser, auf Sand sanken die Reifen nicht mehr so tief ein, was in einer verbesserten Manövrierfähigkeit und einem scheinbar deutlich geringerem Spritverbrauch resultierte.
| Ab in den Sand! |
Die Jungs (ebenfalls ältere Männer wie wir), die wir nach deren etwa eine Wochen langen Wüstentour komplett abseits von Pisten auf dem Campingplatz kennen gelernt hatte, meinten, sie hätten die Reifen ihrer Landrover im Sand bis auf 1 bar entlüftet. Normaler Reifendruck bei diesem Fahrzeug liegt zwischen 3,5 und 4 bar. Wir haben heute zum Schutz der Reifen wohl auf etwa 2 bar reduziert, da wir nicht so extrem und ausschliesslich Sand befahren, sondern immer wieder diese spitzigen Schotter unter dem Gummi haben sollten. Unsere massiven Mud-Terrain-Reifen (für Schlamm und Gelände) mit groben Stollen sind sehr stabil und würden wahrscheinlich eine Reduktion auf 1 bar auch auf Pisten abkönnen…aber wir wollten das Schicksal nicht herausfordern.
| Hohe Dünen, die wir nicht überqueren können. |
Ich machte natürlich von Anfang an kräftig Fotos und es sind mir wohl auch ein paar richtig gute gelungen - bis ich dann bemerkte, dass ich einen fatalen Anfängerfehler gemacht hatte: es war gar keine Speicherkarte in der Kamera. Wegen des Gerüttelt und Geschüttels realisierte ich das aber nicht, denn ich bemerkte den diesbezüglichen Hinweis im Sucher nicht, weil ich mich darauf konzentrieren musste, die Kamera einigermassen ruhig auf das Objekt halten zu können. Als ich meines Faux-pas beim Versuch, bereits gemachte Fotos kurz durchzuschauen, Gewahr wurde, waren schon etwa 25 km an uns vorbei gezogen. Das war ärgerlich - aber noch viel mehr ärgerte mich, dass sich die teure 256 GB-Speicherkarte irgendwo in die Tiefen des mit allerlei Nützlichem und Unnützem gefüllten Cockpit verabschiedet hatte, weil ich Hank sie am Vorabend gedankenlos auf die kleine Ablage über den Lüftungsreglern deponiert und nicht wie üblich gleich nach dem Kopieren der Fotos auf das uralt-Laptop wieder in die Kamera gesteckt hatte.
| Immer wieder holprige Abschnitte |
| Dann wieder Sand. Hier ist das Fahrgeräusch sehr ruhig. |
Richtig toll wurde es, als wir gegen Ende der heutigen Etappe einige Kilometer vor dem Tafelberg bei Tembaïne (nicht auf der Karte suchen - das ist nirgends eingetragen) in eine Dünenlandschaft kamen. Jetzt kam buchstäblich Wüstenstimmung auf! Keine Steine, nur Sand. Und zwar ohne steinigen Untergrund. Einfach nur Sand.
Albrecht hatte zwar einiges zu tun am Steuer, denn es ist gar nicht so einfach, im Sand das Fahrzeug dorthin zu steuern, wo man fahren will anstatt sich vom Sand diktieren zu lassen, wo durchgefahren wird. Damit meine ich nicht die grobe Richtung, sondern die kleinen Spurkorrekturen: ein wenig nach links ist gar nicht so einfach, wenn unter einem ein so labiles Konstrukt wie loser Sand liegt.
| Tafelberg bei Tembaïne |
Bei Tembaïne machten wir eine kurze Kaffeepause bei einem Café im Nirgendwo und fuhren die wenigen Kilometer bis zur heutigen Endstation weiter. Da ging es ziemlich strak bergab und unweit erkannten wir schon eine kleine Zeltstadt, die wir nach kurzer Zeit erreichten.
| Café vor Tembaïne beim Tafelberg |
| Links Haitham, unser Guide, mit zwei Freunden vom Café. |
| Camp Mars vom Tafelberg aus |
Wir waren auf dem Mars angekommen, resp. im «Camp Mars», einer Ansammlung von Zelten, die 2007 eigens zur Markteinführung eines kleinen Suzuki Geländewagens errichtet wurde und seither als eher nobler Etappenort mit mehreren Schlaf- und einem grossen Speisezelt betrieben wird. Das war nach etwa dreieinhalb Stunden Fahrt.
| Auf dem Mars werden noch Briefe verschickt! |
Ermüdet von den Strapazen und den Eindrücken machten wir eine längere Pause, tranken viel, assen viel zu viel und dösten rund zwei Stunden auf den gemütlichen Sesseln der Sitzgruppen im Freien.
Danach sollten wir noch ein wenig in den hier um einiges grösseren Dünen «spielen» gehen und das Gelernte am grösseren Objekt umsetzen - aber wir kamen nicht weit. Bereits auf der ersten haushohen Düne, die wir erklimmen wollten, blieben wir (wohl wegen des für solche Fahrten viel zu grossen Gewichts des Land Rovers mit seinem Aufbau) stecken und Haitham musste all sein Wissen und seine Pannehilfskünste aufwenden, um unser Gefährt rückwärts wieder auf ebenen Grund bugsieren zu können.
Ich glaube, vor allem Albrecht war darob ziemlich gefrustet, hatte er doch so grosse Freude daran gehabt, im Sand zu fahren und zu realisieren, dass es gar nicht so schwierig war wie er es sich ausgemalt hatte. Die Kombination aus Anstrengung, Sonne, reichlichem Mittagessen, Frust und Frustbier gipfelte in einer plötzlichen und unangenehmen Übelkeit, die ihn den Rest des Abends ausser Gefecht setzte. Es ging ihm so schlecht, das ich mit Hilfe von Haitham eines der Schlafzelte für ihn organisierte, damit er sich in dieser Situation nicht ins Dachzelt hochquälen musste, sondern gemütlich in einem normalen Bett schlafen konnte. Er tat mir sehr leid, denn er fühlte sich richtig unwohl. Natürlich schaute ich zu ihm so gut es ging und warf regelmässig ein Auge auf ihn, verbrachte den Abend aber alleine mit Haitham im und ums Restaurant-Zelt.
| Festgefahren, eingegraben - Guide muss helfen |
Wir hatten angeregte Gespräche und ich erfuhr sehr viel über die Lebensumstände eines etwa 35-jährigen Mannes, der sein ganzes Leben in der Wüste verbracht hatte und seit einigen Jahren professionell als Guide unterwegs ist. Er kennt die Wüste wie seine Westentasche und kann sich bei jeder Witterung und Tageszeit ohne Hilfsmittel orientieren, kennt alle Orte der tunesischen Sahara auswendig, kann Spuren lesen wie einer der berühmten Spurenleser aus der Geschichte Afrikas oder Nordamerikas und weiss sich auch ohne moderne Hilfsmittel in wohl fast jeder Situation zurecht zu finden. Ich könnte seitenlang weiter von seinen Erzählungen schreiben.
| Dromedare schauen belämmert drein - aber ich liebe sie! <3 |
| Schlafzelte auf dem Mars |
Es war ein sehr interessanter, intensiver und lehrreicher Tag.
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| Vollmondlicht auf dem Mars - Handyfoto |

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