9. November 2025. Ksar Ghilane - Tataouine
Pünktlich um sieben Uhr wurde der Generator auf dem Nachbargelände gestartet und begann sein brummendes Tagessoll zu absolvieren - und weckte mich aus einem tiefen, guten Schlaf.
Die Nacht war kalt gewesen, aber ich hatte im Dachzelt auf dem Land Rover eine gute Federdecke, die mich während des Schlafs warm gehalten hat.
Ich wusste, dass die Nächte in der Wüste kalt sein können und wurde vor der Reise mehrfach davor gewarnt, das Thermometer fiele unter Umständen auf frostige Tiefen. So kalt wurde es aber in der ganzen Woche, seit ich in Tunesien bin, nie. Ganz im Gegenteil: es wird etwa so kalt wie es in Basel im Moment tagsüber ist. Genau kann ich es nicht sagen, denn wir haben keine Möglichkeit, die Temperatur zu messen.
| Unterwegs Richtung Tataouine |
Beeindruckend ist die Ruhe während der Nächte. Es ist nicht das Fehlen menschlicher Aktivität oder nicht vorhandener Verkehr, sondern das Grundbrummen, das ich aus der Stadt kenne, das Komplet fehlt. Selbst die anfangs Nacht sehr aktiven Hunde, die sich hier in allen Gegenden wahre Bell-Orgien liefern und sich in der Stille scheinbar über grosse Distanzen mit ihren Lauten unterhalten, schlafen irgendwann ein.
Da wir auf dem Gelände eines Hotels nächtigten, konnten wir das Frühstücksbuffet nutzen - so gab es für mich statt des Kaffee endlich wieder einmal einen Schwarztee mit Milch und viel Zucker. Das weckt bei mir die Lebensgeister wie bei den meisten Menschen der Kaffee. Feste Nahrung nahm ich in Form von ein paar Datteln zu mir, die ich noch in Douz gekauft hatte. Von den knapp zwei kg ist nicht mehr viel übrig, was der Verdauung sehr zuträglich ist.
Am Frühstückstisch besprachen wir die heutige Route, die in das Dahar-Gebirge, das zwischen Sahara und der östlichen Küste liegt. Grosse Richtung ist Djerba, die bekannte Ferieninsel. Bevor wir uns dorthin begeben, wollen wir aber die gebirgige Landschaft und ihre Spezialitäten erleben.
| Quer zum Tal liegende Erdwälle, wo das Regenwasser versickert |
Nach den weiten Ebenen, den riesigen, schier unendlichen Dünenlandschaften und den vereinzelten Tafelberge der Sahara, wo nomadisierende Beduinen früher jahreszeitlich bedingt mit ihrer ganzen Habe auf Dromedaren umherzogen und ihre Zelte an verschiedenen Orten aufgestellt hatten, wurden die bergigen Gebiete von sesshaften Berber-Clans bewohnt. Wo heute Dörfer im uns bekannten Stil stehen, lebten die menschen früher meist in Erdwohnungen, die sie in die steilen Flanken der erodierten Kalkablagerungen gegraben hatten. Die Löcher dieser Behausungen sind heute noch sehr häufig zu sehen - viele sind aber nicht mehr bewohnt, obwohl die Räume im Gegensatz zu den gemauerten Häusern eindeutige Vorteile haben.
| Löcher in der Bergflanke als Wohnungen |
Einer der Angestellten im Hotel wo wir die letzte Nacht verbrachten, ist in einer solchen Erdwohnung aufgewachsen und hat uns sehr eindrücklich die Vorzüge erklärt. Grösster Vorteil ist das Raumklima. Während im Sommer die Temperaturen bis auf 52°C steigen, ist es unter der Erde immer angenehm kühl - ebenso muss in kalten Winternächten nicht einmal eine Decke benutzt werden, um gemütlich schlafen zu können.
| Renault R4 - auch hier nur noch sehr selten zu sehen |
Wir fuhren also zuerst durch die Oase Richtung Strasse und unser Weg führte uns zuerst einige Kilometer durch die kargen und topfebenen Ausläufer der Sahara. Hier ist deutlich mehr Vegetation zu erkennen, aber alles ist nach wie vor sehr trocken. Die Büsche und Stauden treten häufiger auf, es sind aber - glaube ich - dieselben wie weiter westlich in der Wüste.
| Der Dino auf dem Berg |
Die Strasse war in einem sehr guten Zustand, ab und zu gab es ein paar heftige Schlaglöcher, auf die man beim Fahren aufpassen muss. Da wir ein sehr robustes und geländetaugliches Fahrzeug haben, konnten sie uns nichts anhaben. Mit einem normalen Auto hätten wir uns bei einigen wohl einen Achsbruch zugezogen, denn Albrecht bretterte zeitweise ziemlich nonchalant über diese Hindernisse, vor denen andere Automobilisten bis auf Schritttempo abbremsten.
Bald schon kam das Gebirge in Sicht und die Landschaft veränderte sich dramatisch. Wir stiegen auf Höhen von bis zu 500 m durch steinige Täler. Alles war in einen warmen Ockerton gefärbt, unterbrochen von helleren gelblichen und manchmal grünlichen Schichten. Die Flanken der Täler waren schroff, die Flächen grossen Felsblöcken und sehr viel groben Gestein übersät. Dörfer bestanden aus einfachen Häusern in einem typischen Stil, während ausserhalb der kleinen Agglomerationen oft die oben erwähnten Erdlöcher und kleine Gebäude mit Tonnendächern zu sehen waren. Die Menschen leben hier auf einer sehr einfachen Basis, da ist kein Luxus zu sehen.
Besonders sind mir in den trockenen Tälern quer stehende Wälle aufgefallen, die wohl dazu dienen, Regenwasser zurück zu halten und zu zwingen, dort zu versickern, statt direkt talwärts zu fliessen. In den Talsohlen ist es oft aussergewöhnlich grün. Dort wachsen Bäume und Büsche, werden Datteln oder Oliven geerntet und teilweise auch Gemüse und Kräuter angebaut. Die den Verhältnissen angepasste Wasserbewirtschaftung ist wohl althergebracht und sehr effizient.
Etwa 20 Kilometer nördlich von Ghomrassen erblickte ich auf einer Bergkuppe ein Gebilde, das von weitem wie ein Dromedar auszusehen schien. Beim Näherkommen stellte sich heraus, dass es sich um eine Nachbildung eines Dinosauriers handelt. Am Fuss des Berges stand eine Informationstafel, die uns darüber aufklärte, dass in dieser Gegend Dino-Überreste ausgegraben worden sind. Das passt zu dem kalkigen Gestein, das hier in der Jura- und Kreidezeit abgelagert worden sein muss. Scheinbar gibt es im Dahar-Gebirge viele Fundstellen von Dinosaurierknochen.
Die rot-gelbliche Landschaft mit ihren Dörfern (Ksar) wurde in vielen, teils berühmten Filmen als Kulisse verwendet. So wurden hier in der Gegend Teile von Star Wars, Life of Brian von den Monty Python, The English Patient und Indiana Jones gedreht. Dafür wurden auch einige der Ksars verwendet.
| Ksar El Ferch |
In Tataouine, das mit seiner Trostlosigkeit und der Lebensfeindlichkeit im Sommer George Lucas so sehr beeindruckt hat, dass er den Heimatplaneten von Luke Skywalker «Tatooine» nannte und einer der Monde dieses Planeten nannte er «Chenini».
Ein weiteres Highlight war die grösste Speicherstadt Tunesiens, die Ksar El Ferch. Diese wurde anfangs des 20. Jahrhunderts erbaut und besitzt nur einen Eingang, aber drei Höfe mit etlichen aneinander gereihten Speicherräumen mit tonnenförmigen Dächern. Die Gebäude sind teilweise zweistöckig und bezaubern durch ihre Schlichtheit. Mich haben vor allem die alten vom Wüstenwind sandgestrahlten Holztüren und die kleinen Lüftungslöcher oben den Türen fasziniert. Diese Löcher durchbrechen die Frontmauer entweder gerade oder sie schlagen einen Bogen und münden innen gleich neben der Tür in den Raum.
| Holztür im Ksar El Ferch |
Danach haben wir in Tataouine getankt und Geld gezogen. Tankstellen finden sich hier nur in den grossen Städten - unterwegs gibt es überhaupt keine. Auch nicht in den Dörfern. Da gibt es kleine Benzin-Händler, die den Treibstoff in Plastikflaschen oder etwas nobler in Kanistern verkaufen. Die Qualität ist aber fraglich. Wir verzichten dem Landy zuliebe gern auf den Diesel dieser Händler, auch wenn er vielleicht gar nicht so schlecht ist.
Da erst kurz nach Mittag war, schlugen wir noch einen Bogen südwestlich von Tataouine. Unser Ziel war die besonders eindrückliche alte Stadt Chenini, die teilweise in den Berg gegraben wurde und die eine weit herum sichtbare weisse Moschee auf einer Krete aufweist. Wir gingen die Stadt aber nicht anschauen - einerseits weil Albrecht mit seinem bald zu ersetzenden Hüftgelenk nicht so gut zu Fuss ist und vor allem, weil wir bereits am Ortseingang von Hobby-Führern belagert wurden, die sich kaum abschütteln liessen. So machte ich ein paar Fotos und wir fuhren weiter.
| Chenini |
Die Strecke um ein Bergmassiv zurück nach Tataouine zeigte uns noch einmal besonders schöne und fazszinierende Landschaften mit eindrücklichen Farben und einsamen Hochebenen.
Zurück in Tataouine checkten wir beim Hotel Mabrouk auf dem Camper-Stellplatz ein und liessen den Tag Revue passieren. Das Abendessen nahmen wir in einem einfachen Restaurant.
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