1. Dezember 2025. Sizilien - Palermo
Über 13’000 Schritte hat mein Handy heute auf meinem Stadtspaziergang gezählt, dabei habe ich gar nicht eine grosse Fläche von Palermo auf der Suche nach schönen und interessanten Orten und Fotosujets abgegrast.
Auf meinem Weg Richtung Innenstadt kam ich am alten Armenhaus, Real Albergo dei Poveri, vorbei, das mir gestern schon aufgefallen war. Ein sehr grosses Gebäude, das von aussen unscheinbar aussieht, innen aber durch seine architektonische Grosszügigkeit auffallen muss. Heute war zwar eine grosse Tür geöffnet, aber weiter als bis in den Hof im Eingangsbereich durfte ich leider wegen umfangreichen Renovationsarbeiten nicht gehen. Zu gern hätte ich gesehen, wie man in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Armenhaus gebaut hat. Allein der in Google-Maps sichtbare Grundriss erscheint eindrucksvoll.
| erster Innenhof der Real Albergo die Poveri |
Danach bin ich wieder zum Normannenpalast, resp. der grossen Piazza Indipenza (die hat gestern noch Piazza della Vittoria geheissen :o ) davor gegangen. Den Palast habe ich nicht besucht, weil mir der Eintritt von 15 € schlicht zuviel war. In dem Palast war neben dem scheinbar sehenswerten Gebäude mit den vielen Räumen auch eine Ausstellung, auf die ich keine Lust hatte.
Also ging ich weiter Richtung Norden, also Richtung Meer. So kam ich schnell in die Altstadt, die gleich neben dem grossen Platz (Piazza della Vittoria oder Indipenza, je nachdem wie Google grad will) beginnt. Die Gassen wurden eng, die Häuserschluchten ebenso und schon bald stand ich vor dem Palazzo Conte Federico, der mir auffiel, weil im geöffneten Tor ein Oldtimer stand, der offensichtlich auch heute noch für Rallyes wie die Mille Miglia benutzt wird. Ein grossgewachsener, adretter Mann mittleren Alters in guter Kleidung ging vor dem Auto vorüber und grüsste mich freundlich. Das war ein Nachfahre des Conte Federico, der zusammen mit anderen Familienmitgliedern immer noch in dem Palast wohnt. Er bietet jeweils am Vormittag eine persönliche Führung durch sein Familienanwesen an - leider war die heutige Führung bereits von einer grösseren Gruppe italienischsprechender Gäste ausgebucht, sonst hätte ich mir gerne das Gebäude und die Räume zeigen lassen. Über den Link sind ein paar sehr schöne Fotos davon zu sehen.
| Palazzo Conte Federico |
Also ging ich nicht weit weiter und gelangte zur Chiesa del Gesù, der Jesuskirche. Da bezahlt man 2 € Eintritt und gelangt über ein unscheinbares Tor in eine überwältigend schöne Barockkirche. Der gesamte Raum ist mit schönsten Stein-Intarsien, Puten-Reliefen, Fresken, kunstvollen Glasfenstern und Malereien dekoriert. Man kann sich gar nicht satt sehen und kommt aus dem Staunen gar nicht heraus.
| Chiesa del Gesù |
| Puten überall |
Vier junge Frauen einer lokalen Universität interviewten mich zur medialen Präsenz der Kirche und meinen Beweggründen, sie zu besuchen. Sie sind an einer Arbeit in Kommunikationswissenschaften.
| Stein-Intarsie an einer Säule |
| ...auf einer Treppe |
| eine ganze Säule mit Intarsien |
Etwas weiter Richtung Mercate Ballarò bemerkte ich, dass die Leute an einem Haus hoch schauten und sah dann einen älteren Mann, wie er einen an einem Seil befestigten alten Ritterhelm schwenkte, an dem ein Zettel befestigt war, auf dem stand, dass er um eine Gabe bittet. Er selber war in eine alte Militäruniform gekleidet und gestikulierte und rief wild. Es war ein Schauspiel und die Passanten grinsten alle und lächelten sich gegenseitig mit erstaunter Mine zu. Ich gab ihm gerne zwei Euro in den Helm, denn der Mann bot etwas zur Unterhaltung. Ob der milden Gabe griff er zu einem Langgewehr mit aufgesetztem Bajonett und begann ins Leere zu zielen und Posen zu machen. Ein lustiger alter Mann, der seine Wohnung mit Balkon an einem von Touristen frequentierten Ort hat und sich ein Zügelt mit einer abstrusen Performance verdient.
Auf dem Markt, den ich mir genau so erhofft hatte, wie er sich mir zeigte, boten die Marktfahrer Esswaren und allerlei anderen Brauch- und Unbrauchbares an. Mit Freude schlenderte ich zwischen Marktständen und Menschen hindurch und liess meine Augen schweifen. Vor allem bei Gemüse, Obst, Gewürzen und den Metzgereien lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich hätte am liebsten für ein grosses Gekocht eingekauft. Ganz anders als die kleinen, viel zu geordneten Luxusmärkte, die wir in Basel haben, kommt bei mir auf einen solchen Markt unmittelbar grosse Lust am Einkaufen und Kochen auf. Solche Gefühle habe ich oft auf Reisen in vielen Ländern - schade sind Märkte in der Schweiz so spröd und einfältig, überteuert noch dazu. Vielleicht sind wir Schweizer selber schuld an der Marktmisere, denn wir kaufen all die täglichen Esswaren in Supermärkten, wo sie schön genormt und abgepackt in einer sterilen und fast 24 Stunden geöffneten «kundenfreundlichen» Nichtatmosphäre angeboten werden.
An einem Stand bereitete ein Olivenbauer frische Panini mit viel Olivenöl, Gewürzen, zu viel Salz, etwas Salat, Thunfisch und ein paar Sardellen zu, die er vor dem Verkauf noch mit einem kaum mehr funktionierenden Sandwich-Eisen heiss machte. Da griff ich zu, denn der Kaffee und die Zigarette zum Frühstück hielt bereits nach wenigen Hundert Metern gehen und schauen nicht mehr an. Der Bauer redete unentwegt in sizilianischem Dialekt auf mich ein und erzählte von ich weiss nicht was. Daneben rief er jedem vorbeigehenden Einheimischen - er kannte sie alle - irgendetwas zu und palaverte hier und dort. Es war ein Schauspiel das mich bestens amüsierte, während ich genüsslich das Sandwich mit knusprigem Brot und feinsten Zutaten genoss. Leider habe ich weder vom Panino noch vom Bauer Fotos gemacht…ich war wohl zu sehr fasziniert und beschäftigt.
Wenige Hundert Meter weiter kam ich zu zwei Kirchen. Die Chiesa San Cataldo, welche 1154 vom Grossadmiral Wilhelms I. als seine Privatkirche im normannisch-arabischen Stil erbaut wurde. Heute ist sie eine der letzten erhaltenen Kirchen in diesem Stil und bietet dem Besucher einen wunderbaren Eindruck einer sehr schlichten, uralten Kirche. Von aussen fallen die drei roten Kuppeln auf, vorher in Apulien vorkamen, wo der Grossadmiral Mail von Bari herkam.
| Rechts Chiesa San Cataldo, links Santa Maria dell'Ammiraglio |
| San Cataldo |
Das Innere besteht aus unverputzten, rohen Steinstrukturen und einem sehr schönen Boden aus Stein-Intarsien. Die die drei Schiffe trennenden Rundbögen ruhen auf antiken Säulen mit korinthischen Kapitellen. Für arabische Bauten typische, in die Mauerecken eingelassene Säulen sowie abgestufte Spitzbögen unter den Kuppelgewölben, sogenannte Muqarnas, habe ich hier zum ersten Mal bewusst wahrgenommen.
Daneben steht die Kirche La Martorana oder Santa Maria dell’Ammiraglio (Heilige Maria des Admirals), welche von Georg von Antiochien, der Admiral von Roger II., des Königs von Sizilien war, im Jahr 1143 gestiftet worden ist. Sie wurde mehrmals umgebaut und hatte ursprünglich eine quadratische Form über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes. Der Glockenturm ist auf den ersten zwei Etagen im ursprünglichen Zustand, während die oberen zwei Stockwerke etwa 200 Jahre später in katalanischer Gotik aufgebaut wurden.
| Turm der Santa Maria dell'Ammiraglio |
Auch sie verfügt innen über antike Säulen mit korinthischen Kapitellen, die die Rundbögen stützen, durch die die drei Schiffe getrennt werden. Deckengewölbe und Bögen sind mit byzantinischen Goldmosaiken überzogen und Ikonographie der Darstellungen orientiert sich an der byzantinischen Liturgie, denn sie geht von oben nach unten und nicht wie bei Langbauten über dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes von vorn nach hinten.
Die Goldmosaiken erzeugen ein ganz besonderes Licht und wirken sehr edel. Ich war sehr beeindruckt von diesen beiden Kirchen und konnte fast nicht aufhören, Fotos zu schiessen. Ich zeige hier nur einen kleinen Auszug.
Gleich nebenan, getrennt nur durch ein Gebäude, befindet sich die Fontana Pretoria oder im Volksmund Fontana della Vergogna aus dem Jahr 1554. Dieser grosse Brunnen mit 133 m Durchmesser und 12 m Höhe besteht aus drei übereinander liegenden, konzentrischen runden Becken und einer Brunnensäule, auf der der Genius von Palermo, der Schutzheilige und das Wahrzeichen der Stadt. Er trägt eine Krone und hat einen geteilten Bart, In seinen Armen hält er eine grosse Schlange, die ihn in die Brust beisst oder an ihr saugt. Der Genius ist eine der ältesten mythologischen Darstellungen der Stadt und ist eng mit dem Volksglauben verbunden. Er stammt aus Vor-Römischer Zeit und wurde als Schutzpatron angerufen, bevor er 1664 eine christliche Ergänzung in Form der Heiligen Rosalia zur Seite gestellt bekam.
| Fontana Pretoria |
Am Brunnen stehen und liegen Flussgötter und Nymphen, von welchen viele nackt dargestellt sind. Aus diesem Grund war der Brunnen bei der Bevölkerung lange nicht sehr beliebt.
Ursprünglich war der Brunnen von Don Pedro Àlvarez de Toledo, dem spanischen Vizekönig von Neapel, für seine Florentiner Villa in Auftrag gegeben. Da der Bauherr aber vor dessen Fertigstellung verstarb, verkaufte sein Sohn den Brunnen nach Palermo.
Auf direktem Weg ging ich anschliessend auf der Via Vittorio Emanuele, der grossen Achse mit vielen Touristenrestaurants und Tandläden von der Porta Nuova zum Hafen, zur Cattedrale di Palermo (offiziell Cattedrale Metropolitana della Santa Vergine Maria Assunta). Sie wurde 1184/1185 in normannisch-arabisch-byzantinischem Stil erbaut, erfuhr aber über die Jahrhunderte mehrere Umbauten. In ihr befinden sich die Gräber der Stauberkaiser Heinrich VI. und Friedrich II. sowie das der Kaiserin Konstanze von Sizilien.
| Cattedrale di Palermo |
So wie sie heute aussieht, wurde sie durch eine grosse Umgestaltung von 1781 bis 1801. Das sieht man ihr deutlich an, denn vor allem der Innenraum wirkt mit seinem Klassizismus sehr trocken und modern. Ferdinando Fuga, der Bauherr dieser Umgestaltung, liebte offenbar Kuppeln, weshalb der nicht nur eine grosse der der Vierung errichten liess, sondern auch die Seitenschiffdächer durch kleine Kuppeln ersetzte.
| Die Spitzbogen-Arkaden zwischen Turm und Hauptschiff |
Von Aussen sieht man dem Bau an, dass er eine normannische Wehrkirche ist, deren grosser Turm nur über Spitzbogen-Arkaden mit dem Hauptbau verbunden ist. An den Apsiden erkennt man arabeske Verzierungen, die den arabischen Einfluss verdeutlichen.
Die Porphysarkophage von Friedrich II. (gestorben 1250) und seinem Vater Heinrich VI. stehen (gestorben 1197) haben eine spezielle Geschichte. Sie wurde ursprünglich von Kaiser Roger II. 1145 in Auftrag gegeben und in der Kathedrale in Cefalù aufstellen lassen. Im einen sollte Roger begraben werden und der zweite sollte leer bleiben «als Zeichen und in Erinnerung an meinen Namen», wie er verfügt hatte. Ich frage mich, wie ein leerer Sarg an den Namen desjenigen, der nebenan im vollen Sarg liegt, erinnern kann…aber ich bin ja auch erst 1963 geboren und muss das Mittelalter nicht verstehen.
Auf alle Fälle kam es nicht so, denn der olle Roger II. Wurde statt in Cefalù wie seine beiden Nachfolger Wilhelm I. und Wilhelm II. ebenfalls in Palermo begraben. Also liess Friedrich II. 1215 die beiden Sarkophage nach Palermo bringen für seinen Vater Heinrich VI. und sich selber. Hier frage ich mich, was man denn in den 18 Jahren mit dem Leichnam von Heinrich VI. gemacht hat. Lag der in einem anderen Sarg und wurde umgebettet oder war es anders? Ich will mir über die Details eigentlich gar keine grossen Gedanken machen, sonst wird mir übel.
| Sarkophag Friedrichs II. |
Es hat in der Kathedrale auch eine Schatzkammer mit einer Krone nach dem Vorbild byzantinischer Kamelauktionskronen, die Friedrich seiner Frau Konstanze von Aragon mit ins Grab legen liess. Die Frau Friedrichs II. ist nicht zu verwechseln mit Konstanze von Sizilien, der Halbschwester Friedrichs II, die Kaiserin von Sizilien war und erst ein Jahr vor Friedrichs Tod geboren worden war.
| Taufbecken |
Konstanze von Àragon (älteste Tochter von Alfons II. von Aragon und Sancha von Kastilien) war übrigens in erster Ehe Königin von Ungarn, weil Pabst Innozenz III. sie wohl aus strategischen Überlegungen mit König Emmerich von Ungarn verkuppelte. Schon nach 5 Jahren Ehe starb 1204 aber der erst 30-jährige Emmerich und Konstanze fand zusammen mit ihrem Sohn Ladislaus beim österreichischen Herzog Leopold VI. Unterschlupf. Als der kurz vor dem Tod Emmerichs zum König ernannte, erst sechsjährige Ladislaus III. starb, musste Konstanze wieder unterkommen. Ihre jüngere Schwester Sancha (mit dem gleichen Namen wie ihre Mutter) war damals mit Friedrich verlobt. Also löste dieser die Verlobung und nahm stattdessen die Schwester und frischgebackene Witwe Konstanze zur Frau, welche er noch vor seiner Wahl zum Deutschen König im Jahr 1212 heiratete. Er hatte sich ursprünglich gegen die Auflösung der Verlobung und die heirat mit Konstanze gesträubt, aber Konstanze brachte ein Streitmacht von 500 spanischen Rittern in die Ehe, welche Friedrich halfen, seine Machtansprüche durchzusetzen. Friedrich war damals 18 Jahre alt, Konstanze 28. Auf alten Pfannen lernt man kochen, sagt man.
| Reliquien-Abteilung |
Nach der Kathedrale traf ich Albrecht in der Nähe des Hafens und wir machten einen kurzen Spaziergang durch die Altstadt zum «No Mafia-Memorial».
Dort ist in einem grossen Gebäude an der zentralen Via Vittorio Emanuele eine sehr interessante Ausstellung zu den über Jahrhunderte in Sizilien wirkenden Mafia-Familien, deren Organisation, Wirken, dem Kampf und auch der Verstrickung der Behörden und schliesslich der Zerschlagung der kriminellen Strukturen aufgebaut. Junge Menschen machen auf die brutale kriminelle Vergangenheit ihrer Stadt aufmerksam. Sie tun das auf ungeschönte und eindrückliche Art und Weise - ich war sehr beeindruckt über die Aufarbeitung eines Themas, das mir zwar rudimentär bekannt war, über das ich aber - das weiss ich jetzt nach dem Besuch dieses eindrücklichen Memorials - keine Ahnung hatte.
Ich empfehle bei einem Besuch Palermos unbedingt diesen zentral gelegenen Ort zu berücksichtigen.
Wir verpflegten uns später und ich war nach dem langen Tag sehr müde….ziehe deshalb jetzt den Text auch nicht in die Länge, sondern lege mich bald schlafen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen