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Mittwoch, 3. Dezember 2025

2. Dezember 2025.

Palermo - Gibellina Vecchia - Ruderi di Salaparuta - Rugeli di Poggioreale - Poggioreale - Partanna - Marinella - Tre Fontane 


Heute hatten wir einen Trümmertag. 


Das Aufwachen war typisch italienisch: im morgendlichen Stossverkehr wurde kräftig gehupt. Wahrscheinlich aktiviert der italienische Durchschnittsautomobilist mit dem mehr oder weniger regelmässigen Druck auf die Mitte des Steuerrads seine Lebensgeister und macht sich so bereit für seinen Arbeitstag.



Nach dem Bezahlen des Campings/Parkplatzes in Palermo rollten wir gemütlich - ohne uns dem allgemeinen Gehupe anzuschliessen - auf der Autobahn E90, die der Küste entlang Richtung Nordwesten und dann, vor dem äussersten Zipfel mit der Stadt Trapani, von der Ihr später noch lesen werdet, Richtung Süden, unserem ersten Ziel dieses Tages entgegen. Es sollte nach Gibellina Vecchia gehen. 



Dieses Dorf, von dem die meisten noch nie gehört haben, liegt in einer wunderbaren Landschaft mit saftigen, fruchtbaren Böden auf leicht hügeligen Ebenen, die von teils schroffen, teils sanften Hügelzügen durchzogen sind. Hier waschen viele Olivenbäume in saftiggrünen Feldern, wird Getreide angebaut und gedeihen sehr viele Reben. Die Farben an diesem sonnigen Tag mit vereinzelten, malerischen Wolken am Himmel, leuchteten und Liesen uns verstehen, warum so viele Völker dieses Land ihr eigen nennen wollten und darum kämpften.



Der Weg nach Gibelllina wurde uns von Google Maps nur mit unendlich langen Schlenkern in der Landschaft vorgeschlagen, also fuhren wir zuerst einmal in die Nähe. - in der Salatelitenansicht erkannte ich, dass da ein Weg mitten durch führen muss. Zwar war eine Strasse als unpassierbar markiert, aber wir versuchten es trotzdem. Als die Strasse immer kleiner und enger wurde und offensichtlich nur noch von Bauern benutzt wurde, die mit den Stollenreifen ihrer Traktoren halbe Äcker auf dem Asphalt liegen liessen, kam irgendwann (hier) das Schild, auf dem stand, dass die Weiterfahrt nicht erlaubt sei. 




Da aber just in dem Moment ein Traktor uns auf ebendieser Strasse entgegen kam, entschieden wir, dass das was ein Traktor kann, ein Land Rover noch lange kann. Also fuhren wir die Strasse weiter und zweigten, als es so aussah, als sei die Trasse abgerutscht, einfach auf einen schmalen und sehr steilen geteerten Weg ab. Hier musste Albrecht das Vorgelegte zuschalten, welches eine zusätzliche Untersetzung einschaltet, so dass man im 6. Gang nur noch etwa 40 km/h schnell fahren kann. Das verhindert, dass man dauernd mit der Kupplung spielen muss und stattdessen zwar viel schaltet, aber in extremer Langsamfahrt in extremis im 1. Gang im Standgas etwa 3 km/h langsam ist. So ist es möglich, auch extreme Steigungen zu bewältige, was hier der Fall war. Die Strasse war so steil, dass man sogar zu Fuss Mühe hätte, sie zu gehen.




Aber wir kamen oben an und hatten nun eine ziemlich steile Abfahrt vor uns, die aber gut zu bewältigen war. Durch diese Abkürzung haben wir mindestens 30 km Fahrt gespart und etwa 500 kg Spass gehabt. Albrecht strahlte über beide Ohren.



Gibellina lag direkt vor uns und wir erkannten den Ort schon von weitem im malerischen, wilden Belice-Tal, das wir hinunter fuhren.

Gibellina, Cretto di Burri, liegt vor uns


Die ganze, offiziell nicht befahrbare Strecke siehst Du hier.



Am 15. Januar 1968 ereignete sich ein schweres Erdbeben, das als Belice-Beben in die Geschichte eingehen sollte. Es hatte zwar mit sechs Stössen mit einem maximalen Ausschlag auf der Richterskala von 5.5 keine rekordverdächtige Stärke, zerstörte aber in der Umgebung von Gibellina mehrere jahrhundertealte Dörfer komplett. Bis zu 400 Menschen kamen ums Leben, bis zu 1000 wurden verletzt und rund 100’000 wurden obdachlos. 




Poggioreale, Salaparuta und Gibellina waren am stärksten betroffen. All diese Dörfer sind auch heute noch in Ruinen - es wurden unweit und doch zu weit vom alten Standort jeweils neue Dörfer errichtet. Dazu später mehr.




Gibellina wurde im 14. Jahrhundert gegründet und wuchs organisch zu einem stattlichen Dorf mit mehreren Tausend Einwohnern. Als das Erdbeben die kleine Stadt in Schutt legte, entschied der italienische Staat, dieses und die anderen komplett zerstörten Siedlungen an einem anderen Ort aufzubauen. Diese neu konzipierten und errichteten kleinen Städte funktionierten aber nicht richtig, so dass einige Quartiere heute nicht mehr bewohnt sind. Gibellina Nuova wurde 18km weit entfernt errichtet und nach modernen Erkenntnissen des Städtebaus entwickelt. Motorisierter und Langsamverkehr wurden getrennt, sich wiederholende Reihenhäuser, wie europäische Gartenstädte sie haben, wurden gebaut und eine zentrale Achse mit kommunalen, gewerblichen und kulturellen Gebäuden eingerichtet.






Nach dem gleichen Schema wurden das neue Salaparuta und Neu-Poggioreale in unmittelbarer Nähe zueinander gebaut. Letzteres haben wir auf der Suche nach etwas Essbarem besucht - es sieht zwar auf die Schnelle hübsch und geordnet aus, aber da will man nicht wohnen. Es ist nicht organisch gewachsen, hat wenig Charme und es herrscht kein Dorfleben. Schlaf-Trabantenstadt, irgendwie.

Seit dem Erdbeben stillgelegtes Eisenbahnviadukt auf dem Weg nach Salaparuta

der Fenchel wächst hier überall

Downtown Salaparuta

Burg bei Salaparuta


Viele, teils internationale Künstler wie zum Beispiel Rob Krier, Oswald Mathias Ungers, Pietro Consagra, Arnaldo Pomodoro, Renato Guttuso und Joseph Beuys stifteten Werke für die neue Stadt. Heute ist Gibellina die Stadt mit der grössten Dichte an Kunst im öffentlichen Raum in ganz Italien. Trotzdem sind einige Quartiere nicht mehr bewohnt.

Poggioreale gesperrt

Poggioreale zerstört

Poggioreale lebendig

von Poggioreale weiter


Das grösste Kunstwerk ist das alte Gibellina Vecchia selber. Hier bedeckte Alberto Burri, ein wichtiger italienischer Künstler der Nachkriegszeit, einen 300 x 400 Meter grossen Ausschnitt der alten Stadt mit einer 1,6 m dicken Schicht aus weissem Beton. Er zeichnete die Flächen der Gebäude und der Strassen und Wege nach und schuf so eine Art dreidimensionale Erinnerungskrte der alten Stadt. Die Enge der alten Stadt wird dadurch unmittelbar spürbar, denn das Kunstwerk ist begehbar.


der Weg wird immer schmaler und schwieriger

Tiefenmessung

Ha! ein Klacks!


Es ist sehr eindrücklich, aber auch erdrückend und ein wenig einschüchternd, brutal und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. 




Während wir dort waren, hat eine Crew einen Film gedreht - ich wagte nicht in die Nähe zu gehen und zu fragen, worum es sich handelte…die Beteiligten schienen sehr beschäftigt zu sein. Ich habe einige Fotos gemacht und beim Entwickeln entschieden, dass sie am besten in Schwarzweises wirken. Ich habe sie vorerst mal relativ extrem eingestellt, werde sie aber zu Hause noch einmal durchgehen und versuchen, noch mehr heraus zu holen.




Nach dieser eindrücklichen Installation, die absolut keine originalen Überreste der alten Stadt mehr zeigt, klapperten wir noch die beiden Ortschaften Salaparuta und Poggioreale ab, von welchen noch die Ruinen vorhanden sind. In Salaparuta stehen nur noch die Grundmauern und eine Burg auf einem Felssporn ist einigermassen gefestigt und für Besucher sicher zu besichtigen. In Poggioreale stehen zwar noch viele Häuser, ihre Dächer sind aber eingefallen und aus Sicherheitsgründen darf das gesamte Dorf nicht betreten werden. Es ist rundum abgesperrt und nur von der Strasse aus sichtbar.


Den Weg zu den beiden anderen Dörfern und vor allem den weiteren Weg nach dem Kurzbesuch am Rand von Poggioreale zur Schnellstrasse an die Südküste legten wir quasi freihand auf uns im Salatelitenbild befahrbaren Wegen und Strassen zurück. An einer Stelle, wo nicht einmal mehr Traktorspuren sichtbar waren und die Fahrspur bereits fast gänzlich überwachsen war, wurde es richtig spannend. Die etwa 5 km lange Strecke war so eng, steil, matschig und teilweise nicht wirklich tragend, dass wir inständig hofften, nicht an eine unpassierbare Stelle zu kommen, denn ein Wenden war in den steilen Hängen kaum möglich. Aber der Land Rover fühlte sich sichtlich wohl in seinem natürlichen Habitat und leitete uns zwei zuverlässig auch durch schwierige Passagen. Albrechts Offroad-Training hat dabei sicher auch ein wenig geholfen, aber eigentlich sind wir dem aus der britischen Urseele geborenen Arbeitstier zu Dank verpflichtet, dass es uns sicher und ohne zu murren durch Dickicht und Schlamm, über Geröll und Gräben, steil bergauf und -ab und über unsere Zweifel hinweg mit Vorgelegt und Zentralsperre geleitet und beschützt hat. Das Ausloten von Untiefen mit dem Stock und das Strecken des Halses um allfällige Unwägbarkeiten vorauszusehen dienen in diesem Fahrzeug nur der Beruhigung der Nerven menschlicher Passagiere - der Landi weiss selber, wo er durch kann und wo nicht.



Etwas schwierig war heute die Verpflegungssituation, da wir wegen der geländebedingt etwas reduzierten Geschwindigkeit buchstäblich nicht in die Gänge kamen und folglich unser (vor allem mein) Hunger sich genau mit der siestamässig bedingt ungenügenden  Verpflegungslogistik stritten. Lidl hat’s dann gerichtet, aber knapp. Sauknapp. Ich wär fast gestorben. 


Dafür habe ich als erster Navigationsmaat heute den ultimativen Platz für Sonnenunterganghungrige Südreisende gefunden: das - Nomen est Omen - Helios Camping. Wir stehen keine 5 Meter vom Strand, das Mittelmeerchen plätschert ans 50 Meter entfernte Ufer und das Feierabendbier tranken wir in den Strahlen des letzten Abendsonnenlichts mit Blick Richtung Tunesien, das hier nur gerade 145 m entfernt liegt.






Das Abendessen nahmen wir im Da Franco ein, das uns der Besitzer des Campings empfohlen hatte. Es war köstlich, das Ambiente typisch italienisch-einfach (aber es wurde im Restaurant nicht gehupt!) und wir wurden sehr freundlich und verständnisvoll bedient, denn wir kamen schon bei der Speisekarte nicht draus. Wir nahmen beide auf Empfehlung des Cammeriere Busiate - Albrecht als Primo vor dem Secondo, ich als Primo nach dem Antipasto. Köstlich, sage ich Euch!




Es gäbe noch viel zu schreiben (wie von jedem Tag) aber ich will ja auch noch etwas zu erzählen haben, wenn ich nach Hause komme. Deshalb ist hier jetzt Schluss für heute.



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