4. Dezember 2025. Tofanello - Catania - Messina - Reggio Calabria
Diesen Bericht schreibe ich erst am Folgetag, weil ich gestern nach dem Abendessen müde war und einfach nur noch schlafen wollte, obwohl es eigentlich noch gar nicht spät war
Der zeitletzte Tag für mich auf dieser Tour begann mit dem Rauschen der Brandung an den Strand nur wenige Meter von unserem Standplatz auf dem leeren Gelände des Camper-Stellplatzes Jean Beach bei Tofanello bei schönstem Sonnenschein.
Nach dem Abwasch mit Sand und Meerwasser, bei dem ich natürlich beim ersten Versuch mit den Schuhen einen «Schlappen gezogen» und mir danach beim zweiten fast die Füsse abgefroren hatte, dem leckeren Kaffee, den Albrecht gebraut hatte und einem Rest Brot mit tunesischen Camembert, setzten wir uns schon bald in Fahrt für die zweitlängste Strecke seit unserer Ankunft in Tunis. Um möglichst vor Sonnenuntergang einen Stellplatz zu finden, wählten wir eine relativ direkte Strecke Richtung Messina.
Sie führte uns durch hügeliges und teilweise bergiges Hinterland im Südosten Siziliens. Dort sind weite Strecken menschenleer und die Dörfer oft auf Hügelkuppen oder an deren Abhängen gebaut.
Die Gegend war schon in vorgeschichtlicher Zeit bewohnt, was angesichts der karstigen Kalkfelsen mit ihren Unterschlüpfen und Höhlen nicht verwunderlich ist. Immer wieder sind Burgen und Türme zu sehen, die von einer bewegten Geschichte zeugen.
Bei Gela, das einmal eine der bedeutendsten griechischen Siedlungen ab Mitte des 7. Jahrhunderts v.Chr. gewesen ist und wo im Jahr 491 v.Chr. Aischylos gestorben ist, fahren wir an einer Verteidigungslinie des zweiten Weltkriegs vorbei, wo Deutsche Einheiten den dortigen Flugplatz mit Reihen von Bunkern zu sichern versucht hatten. Sie war eines der vorrangigen Ziele der Alliierten und wurde im Lauf der Operation Husky am 10. Juli 1943 als erste Stadt Italiens erobert. Von hier aus entwickelte sich die Einnahme Italiens durch die britischen, kanadischen und us-amerikanischen Truppen.
1956 wurden in der nahen Umgebung Ölquellen entdeckt und heute ist das Stadtbild geprägt durch Raffinerien, Industriebetriebe und Neubausiedlungen.
Die Stadt ist auch bekannt durch ihren ehemaligen Bürgermeister und heutigen Gouverneur der Region Sizilien, der aktiv gegen die Mafia kämpft und gilt als eine der Städte mit den schärfsten Antimafiagesetzen Italiens.
Wir fuhren auch an Mineo vorbei, die im 5. Jahrhundert v.Chr. von Griechen gegründet worden war und in arabischer Zeit zu einer Festung ausgebaut wurde. Sie liegt malerisch auf einem Hügel und glänzte im Sonnenlicht. Dort fiel 826 ein Meteorit vom Himmel, dessen 42 g schweren Überreste bei einer späteren Untersuchung als Pallasit klassifiziert wurden. Pallasiten bestehen aus Olivinkristallen, die in einer Matrix aus Eisen-Nickel eingebettet sind und wurden nach Peter Simon Pallas benannt, der im 18. Jahrhundert auf seinen Reisen in Sibirien in der Nähe von Krasnojarsk den ersten solchen Meteoriten gefunden hatte. Nach neueren Erkenntnissen bilden sich diese beim Aufschlag auf die Erde, bei dem sich geschmolzenes Eisen aus dem Projektil mit olivenreichem Mantel des Ziels vermischt. Der grösste Pallasit, im Jahr 2000 bei Fukang in China gefunden, wurde 2008 in New York mit einem Schätzpreis von 2,75 Mio. US-$ angeboten, aber nicht verkauft.
| Mineo auf dem Hügel |
Auch in dieser Gegend werden Orangen in grossem Stil angebaut. Die Platanen mit Zitrusbäumen bedecken einen markanten Teil der ebenen Flächen. Endlich hatte ich Gelegenheit, die vollbehangenen Bäume zu fotografieren, was gestern aus dem fahrenden Auto nicht gelungen war.
Etwas später fuhren wir südlich des Ätna, dem aktivsten Vulkan Europas, entlang, der leider an diesem wolkigen Tag nicht vollständig zu sehen war. Dieser höchste Berg Siziliens war vergangenes Jahr 3403 Meter hoch - er wächst ja aufgrund seiner konstanten Tätigkeit immer noch. Auf seiner Westflanke liegt Schnee, was wir kurze Zeit sehen konnten.
| der Ätna aus der Ferne |
Obwohl der Ätna auch im Italienischen maskulin ist, bezieht sich die lokale Bevölkerung im Femininum auf ihn, denn sein Name rührt aus dem Griechischen, wo der Name der Sizilianischen Nymphe Αἴτνη (Aitne) auf den Berg übertragen wurde.
Die vulkanischen Produkte des Ätna sind auf eine Fläche von 1170 km2 (mehr als doppelt so gross wie er Kanton Basel-Landschaft!) verteilt und nehmen ein Volumen von 530 km3 ein. Ein Ausbruch mit Lava erfolgt meist nicht am Gipfel, sondern auf den Flanken des Hauptkegels - so haben sich im Lauf der Jahrhunderte etwa 400 Nebenkrater gebildet. Die Lage des Vulkans an der Subduktionslinie, wo sich die afrikanische Kontinentalplatte unter die europäische schiebt, ist ein Ort erhöhter seismischer und vulkanischer Aktivität, wie auch die litauischen Inseln und der Vesuv bei Neapel. Der Ätna liegt an der Schnittstelle dreier Bruchlinien dieser Subdutkionszone, wo er vor rund 500’000 Jahren als untermeerischer Vulkan mit meiner bevorzugten vulkanischen Erscheinungsform, der sogenannten Pillow Lava, entstanden ist und zuerst eine grosse Meeresbucht bildete. Erst später hob sich das Land, so dass der Vulkan heute auf einem massiven Festlandsockel steht.
| mein erster Schnee dieses Winters |
Pillow Lava (Kissenlava) bildet sich, wenn unter Wasser Lava austritt und sich die Oberfläche abkühlt und gleichzeitig mehr Lava nachrückt. Dadurch wächst das Kissen immer weiter. Davon gibt es grossartige Filme wie diesen.
Der Ätna hat eine relativ dünnflüssige, basische Lava wegen eines geringen Kieselsäureanteils. Das wirkt sich - wie auch auf der kanarischen Insel Lanzarote mit ihren Cuevas, in die der Architekt und Künstler Cesar Manrique sein Wohnhaus gebaut hatte, das ich vor Jahren habe besichtigen dürfen - in Tunneln aus, die ähnlich wie die Pillow-Lava überirdisch entstehen. Durch die Abkühlung der Oberfläche des Lavastroms bleibt diese bestehen, während die noch flüssige Lava darunter abfliessen kann. Durch die Dünnflüssigkeit der Lava, aus der Gase relativ leicht entweichen können, besteht ein geringes Risiko einer explosionsartigen Eruption wie z.B. beim Vesuv, bei dem die Lava mehr Kieselsäure enthält.
Der Vulkan ist konstant aktiv, grössere Ausbrüche sind in neuerer Zeit aber selten. Der älteste dokumentierte Ausbruch fand 693 v.Chr. statt, bei dem die 729 v.Chr. gegründete Stadt Catania zum ersten Mal zerstört wurde.44 v. Chr. fand ein grosser Ausbruch statt, der den Himmel so stark verdunkelte, dass durch den folgenden Temperatursturz Missernten im östlichen Mittelmeer bis Ägypten und sogar bis nach China auftraten.
Der mit 473 Tagen längste Ausbruch mit Lavafluss in den vergangenen 300 Jahren ereignete sich 1992/1993, bei dem bis zu 250 Mio. m3 Lava ausgestossen wurden. Das entspricht einer Schichtdicke von 2,5 m auf der Fläche eines Quadratkilometers.
Ab Catania führt die Autobahn, auf der wir fuhren, an der Flanke des Inselgebirges, was in einem regen Wechsel von Tunneln und freien Strecken resultiert. Die Bausituation ist hier sehr eng, wodurch die Siedlungen sich zwischen Meeresküste und der steilen Gebirgsflanke zwängen müssen. Die Schnellstrasse wurde deshalb auf einer gewissen Höhe in die Flanke «geschnitten».
In Messina angekommen fuhren wir direkt zum Fähranleger, um die Situation abzuchecken. Der angesteuerte Fährhafen war aber geschlossen - Hilfe wurde uns von einem einheimischen Taxifahrer angeboten, der wohl dort auf verirrte Touristen wartete, um sich Fahrten zu sichern. Er erklärte uns, dass die Fahrt etwas kompliziert sei und deutete in geschäftstüchtiger Manier wohl absichtlich in die falsche Richtung, um uns nach einem ersten Versuch und anschliessender entnervter Rückkehr an diesen Ort doch noch eskortieren zu können. Ich konnte aber mit meinen fortgeschrittenen Fähigkeiten im Finden von Orten und auch speziellen Tracks einen bestimmt verhältnismässig teuren Escortservice vermeiden. So fanden wir den nur 4 km auf direktem Weg erreichbaren aktiven Fähranleger problemlos.
Wir entschieden uns, entgegen der ursprünglichen Planung gleich aufs Festland überzusetzen, was denkbar einfach organisiert ist: man fährt ans Kassenhäuschen, löst ein Ticket, stellt sich in die Reihe und fährt auf die Fähre, wo man von Angestellten auf seinen Platz gewiesen wird. Wir blieben im Wagen sitzen und Albrecht zeigte den, wie üblicherweise bei uns ziemlich unaufgeräumten und vollgestellten Innenraum des Aufbaus. Kaum hatten wir uns ein wenig mit Resten des Picknicks vom Vortag notdürftig verpflegt, Bing auch schon die vordere Klappe der RoRo-Fähre (RoRo heisst Roll on Roll off) auf und wir wurden in Villa San Giovanni aufs europäische Festland ausgespuckt..
| ein Blick Richtung italienische Festland |
| Auffahrt in den Bauch der Fähre |
| eng geparkt - ich hätte auf der Beifahrerseite gar nicht aussteigen können |
| Ausgespuckt aufs Festland |
| der Blick zurück nach Sizilien |
Oberhalb der nur rund 25 km südlich gelegenen Stadt Reggio Calabria, von wo ich am Folgetag per Freccia Rossa der italienischen Staatsbahnen FerItalia abreisen würde, fanden wir den idyllisch gelegenen Campingplatz Agriturismo Rudi auf einer Terrasse mit Meersicht. Nur ein Camper mit einer jungen Deutschen Familie stand bereits da.
| Agriturismo Rudi |
Der Name des sehr sympathischen Agriturismo-Campings kommt übrigens nicht von einem Herrn namens Rudi, sondern von der Bezeichnung von Rot im Griechischen. Der Besitzer war offensichtlich Griechischschüler und hat hier im Januar 2008 mit einer netten und lauten Gruppe von Griechen eine gute Zeit verbracht. Der Name ist eine Hommage an die Region, die ab dem 8. Jahrhundert v.Chr. von Griechen besiedelt worden war und allgemein als «Magna Grecia» bezeichnet wird.
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| Grafik von www.romanoimpero.com |
Das letzte Abendmahl nahmen wir auf meine Rechnung in der örtlichen, geräumigen Pizzeria Windy Hill ein, wo wir die einzigen Gäste waren. Ein Antipasto und eine spezielle Pizza nach kalabresischem Rezept mit Kartoffelschnitzen waren für meine eigebaute Fresssperre schon zu viel, so dass ich heute mit den Resten die leckere brotige Flachspeise noch einmal geniessen kann.
Gegen Abend geht’s dann Richtung Bahnhof in Reggio Calabria - ich freue mich nach fünf Wochen unterwegs auf mein Haus, die (noch ungeheizte) Wohnung und vor allem auf Susanne beim morgigen Santiglausessen mit Freunden und natürlich meine Familie und vor allem auf meine Enkel.

Ich habe die ganze Zeit mit viel Spannung und Genuss mitgelesen. Vielen Dank für die tollen Bilder und die tollen Texte.
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